WeinWissen wirkt
WER SICH MIT WEIN auskennt, zeigt Stil und hat ein Smalltalk-Thema für Geschäftsessen,
mit dem er besonders ausländische Gäste für die Spezialitäten des eigenen Landes begeistern kann.
Ein Crashkurs mit der Deutschen Weinkönigin.
Von Sylvia Benzinger
Erlaubt ist, was gefällt und was schmeckt. Jedem Genießer
kann man nur empfehlen, zu probieren und seinem
eigenen Geschmack zu vertrauen. Es gibt keine starren
Regeln, doch es kann durchaus hilfreich sein, sich an
gewissen Erfahrungswerten zu orientieren, zum Beispiel
dass zu leichten, zarten Speisen auch leichte, trockene
Weine passen. Entsprechend empfiehlt sich zu einem kräftigen
oder gut gewürzten Essen auch ein kräftiger, würziger
Wein. Denn weder soll der Wein die Speisen, noch sollen
die Speisen geschmacklich den Wein überlagern.
Die Korrespondenzen zwischen gutem Essen und gutem
Wein sind zahllos, und was kann es Schöneres geben, als
sie zu studieren. Das Schöne an den deutschen Weinen ist,
dass sie sehr variationsreich in ihrer Geschmacksausprägung
sind. Es gibt kaum ein Gericht, das nicht von einem
heimischen Wein harmonisch begleitet werden kann.
Damit ein zartes Gewächs geschmacklich zu seinem Recht kommt, sollte
man es zu Beginn servieren. Je weiter das
Mahl fortgeschritten ist, desto mehr an Aroma, Gehalt und
Fülle kann serviert werden. Bei offiziellen Anlässen – beispielsweise
einem Geschäftsessen – kann man Souveränität
beweisen, indem man den Sommelier oder Weinkellner
bittet, eine Weinempfehlung abzugeben. Wenn die Gruppe
klein ist und das mehrgängige Menü es zulässt, mehrere
Weine zu trinken, kann es durchaus auch angeraten sein,
aus den offenen Weinen auf der Weinkarte zu wählen und
zu jedem Gang eben ein Glas des passenden Weines zu
bestellen. Ein guter Sommelier, als hilfreicher Partner des
Gastes, wird auf diese Möglichkeit hinweisen. Im Restaurant
wird dem Gastgeber ein kleiner Probierschluck des
geöffneten Weines gereicht. Diese Gelegenheit sollte man
nutzen, ins Glas zu schnuppern, den Wein zu kosten und
möglichen unangenehmen Geschmack zu reklamieren, denn
ein „Korkschmecker“ ist keine Seltenheit und kann den
Gästen den Genuss verderben.
Sylvia Benzinger, 26, ist Weinbetriebswirtin
und derzeit amtierende Deutsche
Weinkönigin. Ein Jahr lang vertritt sie die
Interessen der deutschen Winzer und
des deutschen Weines in aller Welt. Sie
lebt in Kirchheim an der Weinstraße.
Nomen est Omen
Riesling
Deutschlands Winzer pflegen den Klassiker wie kein
anderes Land der Erde. Zwei Drittel aller Rieslingweinberge
weltweit stehen in Deutschland. Der Riesling ist
eine langsame, bis in den November hinein reifende
Rebsorte. Deshalb ist er prädestiniert für die nördlichen
Anbaugebiete, wo er in der späten Herbstsonne
seine Reife vollendet. Optimale Bedingungen bieten die
Wärme speichernden steinigen Steillagen entlang der
Flusstäler. Der „typische“ Riesling zeigt eine blassgelbe,
ins grünliche Gelb tendierende Farbe, im Duft eine
Spur Pfirsich oder Apfel, im Mund spürt man eine rassige
Säure. Bei den Rieslingen von Schieferböden spricht
man von einer mineralischen Not. Edelsüße Beerenauslesen
oder Eisweine gehören zu den auch international
am höchsten gehandelten deutschen Weinen. Trockene
bis halbtrockene Rieslinge passen besonders gut zur
asiatischen Küche, gekochtem Fleisch mit hellen Saucen
sowie Geflügel- und Fischgerichten.
Rivaner
Der Rivaner, auch Müller-Thurgau genannt, gilt als älteste
und gleichzeitig erfolgreichste deutsche Rebenneuzüchtung.
Er zeichnet sich durch eine frühe Traubenreife aus.
Rivaner-Reben stehen vor allem in Rheinhessen, in
Baden, in der Pfalz, an der Mosel und in Franken. Die
unkomplizierten Weine sind geschmacklich leicht zugänglich
und werden aufgrund ihrer harmonischen Charaktereigenschaften
gerne als Sommerweine getrunken.
Rivaner empfiehlt sich zu zartaromatischen Speisen.
Silvaner
Der Silvaner ist eine der wichtigsten Traditionssorten in
Rheinhessen und Franken. Man findet ihn aber auch in
der Pfalz und am Kaiserstuhl. Die Silvanerrebe liefert
unaufdringliche Weine mit einer milden Säure. Geschliffene
Silvaner aus Franken sind wunderbare Fischbegleiter,
aus Rheinhessen und der Pfalz passen sie besonders
zum Spargel.
Weißer Burgunder
Der Weiße Burgunder, im Ausland auch Pinot Blanc oder
Pinot Bianco genannt, gehört zur Burgunderfamilie.
Diese elegante Rebsorte ist schwerpunktmäßig in
Baden, Rheinhessen und der Pfalz zu finden. Mit seiner
frischen Säure und feinen Frucht ist er ein idealer Menüwein.
Er ist gut geeignet zu Meeresfrüchten, Fisch, Kalbund
Schweinefleisch sowie zu Geflügel.
Grauer Burgunder
Der Graue Burgunder, auch als Pinot Grigio bekannt, ist
als Menübegleiter vielfältig einsetzbar. Die Winzer vom
Kaiserstuhl haben eine Vorliebe für diese Rebsorte entwickelt,
doch mittlerweile zählt er in vielen Anbaugebieten
zu den klassischen Rebsorten. Trockene Grauburgunder
harmonieren gut mit Meeresfrüchten, Pasta, Lamm,
Wild oder reifem Weichkäse. Süße Spät- und Auslesen
passen besonders gut zu Edelpilzkäse und zu Desserts
mit Honig, Mandeln und Marzipan.
Spätburgunder
Das Pendant zum weißen Klassiker Riesling ist der Spätburgunder.
Die meisten Spätburgunderreben stehen in
Baden, aber auch in der Pfalz, in Rheinhessen, in Württemberg,
im Rheingau und an der Ahr. Spätburgunderweine
erinnern in ihrem Duft oft an Erdbeeren und Brombeeren.
Kräftige Varianten begleiten Braten und Wild
oder auch eine Käseplatte. Die Rosé-Variante harmoniert
mit Vorspeisen und weißem Fleisch.
Dornfelder
Der Dornfelder ist der Shootingstar unter den Rotweinsorten
in Deutschland. Der Dornfelder kann je nach Ausbaustil
durch starke Fruchtaromen wie Sauerkirsche,
Brombeere und Holunder bestechen oder auch, im Holzfass
ausgebaut, Gerbstoffe entwickeln. Die kräftigeren
Rotweine passen zu Braten, Wild oder Käse.
Spielerisch zum Weinprofi werden
Das neue Gesellschaftsspiel „Welt der Weine“ ist für Weinfreunde und solche, die es werden
wollen. Wer alle 900 Fragen rund um Rebsorten, Anbaugebiete, Weinproduktion, Lagerung
und Geschmacksrichtungen richtig beantworten kann, darf sich mit Recht Weinexperte
nennen. Mit einem guten Glas Rot- oder Weißwein fällt das Spielen sicher noch leichter.
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Was passt?
Leicht und dezent:
Asiatische Küche, Pasta, Geflügel,
gekochtes Kalb- und Rindfleisch
Trocken bis halbtrocken: Riesling, Silvaner,
Rivaner, Weiß- und Grauburgunder
Leicht und würzig:
Zarte Ragouts, herzhafte Pasta, Lamm,
Wildgeflügel
Trocken bis halbtrocken:
Grauburgunder, Spätburgunder Weißherbst
Gehaltvoll und dezent:
Meeresfrüchte, herzhafter Seefisch, saftiger
Kalbsbraten
Trocken bis halbtrocken:
Weiß- und Grauburgunder, reife Rieslingauslesen,
Portugieser und Spätburgunder
sowie dezente Roséweine
Gehaltvoll und würzig:
Gebratener Seefisch, herzhafte Braten
oder Steaks vom Rind, Wild- und Grillgerichte
Trocken bis halbtrocken, gereift
und ausdrucksvoll: Riesling, Traminer,
Weiß- und Grauburgunder, Spätburgunder
und Dornfelder
Das Wein-Glossar:
Barrique
Traditionelles französisches Fassmaß von zirka 225 Liter.
Heute gebräuchlich für den Ausbau von Wein in neuen ungebrauchten
Eichenfässern und das daraus resultierende
Geschmacksbild der Wein.
Blanc de noir
Ein heller Wein, der aus roten Trauben gekeltert wird. Um dieses
Ergebnis zu erzielen, müssen die Trauben sanft gepresst
und der Most schnell von den Schalen getrennt werden, denn
der rote Farbstoff steckt in den Beerenhäuten.
Bocksbeutel
Typische bauchige Flaschenform in Franken, aber auch in vier
Ortsteilen Baden-Badens (Neuweiler, Steinbach, Umweg, Varnhalt)
und dem badischen Bereich Tauberfranken.
Cuvée
Komposition verschiedener Weine, um die verschiedenen
Charaktereigenschaften der Grundweine zu einem besonderen
Geschmackserlebnis zu vereinen, oder zur Schaffung
eines Sektes mit gleich bleibendem Geschmacksbild.
Dekantieren
Umfüllen von der Flasche in eine Karaffe. Dadurch wird bei
alten Rotweinen das Depot zurückgehalten. Junge Weine werden
durch das Dekantieren mit Sauerstoff angereichert und
können ihren Geschmack besser erschließen.
Edelsüß
Bezeichnet man einen Wein mit einem hohen natürlichen
Zuckergehalt. Erzielt wird diese Süße zumeist durch edelfaule
Beeren, die den Edelschimmel-Pilz Botrytis tragen.
Federweißer
Gärender Most. Die Herkunftsbezeichnung muss beim Verkauf
oder Ausschank angegeben werden, zum Beispiel „deutscher
Federweißer“. Auch „Bitzler“ oder „Sauser“ genannt.
Flaschengärung
Verfahren bei der Sektherstellung: Der Grundwein wird in der
Flasche zum zweiten Mal vergoren, wobei die Flasche mit
einem Kronkorken verschlossen ist und die entstehende
Kohlensäure erhalten bleibt.
Gerbstoffe
Gruppe von Stoffen, insbesondere Tannine, die einen herbbitteren
Geschmack im Wein hervorrufen. Sie stammen vor
allem aus der Schale, den Kernen und dem Stielgerüst der
Trauben. Durch den Ausbau im Barrique-Fass gelangen
zusätzlich erwünschte Gerbstoffe in den Wein.
Restsüße
Menge an natürlichem Fruchtzucker, der nach dem
Abschluss der Gärung im Wein enthalten ist. Jeder Wein
enthält eine gewisse Menge Restzucker, da nicht der
gesamte Zucker von der Hefe verarbeitet werden kann.
Roséwein
Weinart, die entsteht, wenn Rotweinmaische ohne Standzeit
sofort gepresst wird.
Sommelier
Besonders in der gehobenen Gastronomie hat der Sommelier
seinen Platz als Weinkellner. Der Sommelier ist zuständig
für die Beratung der Gäste in der Getränkeauswahl,
aber auch für die Pflege des Weinkellers, den Einkauf und
die fachgerechte Lagerung der Weine. Der Sommelier zeichnet
sich unter anderem durch besondere Fachkenntnis
bezüglich der Harmonie von Wein und Speisen aus.
www.deutscheweine.de
www.viniversitaet.de
www.vinumtv.de
Weinprobe in 8 Schritten
1 Das Glas höchstens bis zu einem Drittel füllen.
2 Farbe betrachten: Ist der Wein klar? Gibt es Weinstein? Kein Problem. Oder schwimmen Korkenreste im Glas? Dann
Reste entfernen. Hat der Wein Schlieren: wegschütten!
3 Wein riechen.
4 Glas schwenken.
5 Erneut riechen und die Veränderung des Buketts bemerken.
6 Kleinen Schluck trinken.
7 Weiteren Schluck in den Mund nehmen und mit Sauerstoff anreichern. Dazu Luft einsaugen, während man den Mund
spitz formt.
8 Dritten Schluck nehmen, Wein unter die Zunge laufen lassen, nach einer Sekunde schlucken, damit alle
Geschmacksknospen angeregt werden.
Coachingzone
Wein ist ein feines Genussmittel, angenehmes Lebensmittel
oder gar gesunde Medizin mit hohem Spaßfaktor. Das richtige Glas Wein zur richtigen Zeit kann schnell zum
Kommunikationskatalysator werden und/oder entspannend sein. Doch seit Wein zum gesellschaftlichen Prestigefaktor
geworden ist, kommt für manche Weinfreunde ein gewisser Stressfaktor dazu. Wie bewege ich
mich sicher auf dem glatten Parkett der richtigen Weinauswahl? Eins vorweg: Sie müssen nicht zum Weinexperten
mutieren, um im Restaurant überleben zu können, ein wenig Basiswissen kann aber nicht schaden.
Das ist leicht zu lernen. Tipp: Sie nehmen zum Beispiel Jens Priewes Buch „Wein – die neue große Schule“, genießen ein gutes Glas – jeweils zum Kapitel passend – während der Lektüre und machen sich einige Notizen über
Anbaugebiete und Weinstilistik. Um auf internationalem Business-Parkett nicht auszurutschen, reicht es schon, die wichtigsten
Rebsorten, ihre Unterschiede und verschiedenen Ausbaumethoden zu kennen.
Doch auch ein guter Service im Restaurant ist
eine große Hilfe. Ein kundiger Sommelier oder erfahrener Oberkellner berät gerne bei der Auswahl. Wichtig: Äußern Sie Ihre
Wünsche und Vorstellungen. Wenn Sie sich mit Ihrem Budget Grenzen gesetzt haben, zeigen Sie einfach auf einen Wein in dieser
Preiskategorie in der Karte – der Service wird den diskreten Hinweis wohl verstehen. Beziehen Sie auch Ihre Gäste in die
Weinauswahl mit ein. Die Frage nach dem bevorzugten Geschmack Ihrer Gäste wird als freundliche Geste aufgenommen und
verhindert, dass der falsche Wein auf den Tisch kommt. Ausländische Gäste mögen gerne etwas typisch Deutsches probieren, auch bei Wein. Scheuen Sie sich nicht, als Botschafter Ihres Landes heimische Weine vorzustellen. Tipp: Gäste aus mediterranen
Ländern sind häufig nicht die kräftige Säure deutscher Weine gewöhnt.
Hier hilft die Auswahl eines sehr reifen Jahrgangs
wie 2003, in dem auch die Rieslinge einen runden Charakter zeigen. Alternativ bieten sich Rebsorten mit zurückhaltender
Säure an, beispielsweise Burgundersorten oder Silvaner. Bei einem größeren Menü mit vielen Weinen wird sich Ihr Gast wahrscheinlich
auch über ein Gewächs aus seiner Heimat freuen. Besonders Gäste aus Frankreich, Spanien und Italien, aber auch
aus den USA, sind dann meist angenehm überrascht. „Mut zur Lücke“ heißt meine letzte Empfehlung. Denn niemand kann alles
wissen, und beim Wein kommt es schließlich auf eine einzige Bewertung an: Er soll schmecken.
Markus Del Monego ist Master of Wine und Sommelierweltmeister 1998.
www.caveco.de
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© 2010 BERUFSZIEL
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