Hummer-Hilfe
Gutes Benehmen ist in der Geschäftswelt unerlässlich. Auf viele Menschen warten
die größten Fettnäpfchen in Restaurants, vornehmlich bei Geschäftsessen.
Damit Sie auf dem Parkett der Esskultur nicht ausrutschen, haben wir Lebensmittel
und Gerichte zusammengestellt, die durch einen hohen Blamagefaktor
gekennzeichnet sind. Theoretisch sollten Sie auf einer „roten Liste“ für Empfänge
und Geschäftsessen stehen. Leider schleichen sie sich aufgrund nicht enden
wollender Kreativität engagierter Köche immer wieder auf den Teller.
Von Michael Heinemann-May
Artischocken Die Artischocke muss, wenn Sie komplett
serviert wird, mit den Fingern gegessen werden. Entfernen
Sie von außen nach innen die einzelnen Blätter und dippen
sie in die dazugehörigen Saucen. Dann führen Sie das Blatt
zum Mund und saugen mit Unterstützung der Schneidezähne
das Innere des dicken Blattendes heraus. Bitte nicht das
ganze Blatt essen, der Rest ist ungenießbar. Den Blattabfall
deponieren Sie in die dafür vorgesehenen Schalen. Haben
Sie alle Blätter entfernt, befindet sich vor Ihnen der Artischockenboden
mit dem „Heu“, das mit einem Löffel entfernt
wird. Den Boden essen Sie dann mit dem Besteck und
nicht mit den Fingern. Um diese zwischendurch zu reinigen,
gehört zu jedem Gedeck eine Schale mit Zitronenwasser.
Austern
Beim Essen von Austern ist für manche die größte
Herausforderung die Überwindung. Wenn der Teller mit
den geöffneten Austern vor Ihnen steht, überprüfen Sie mit
der Gabel, ob das Fleisch von der Schale gelöst ist. Ist die
Auster noch mit der Schale verbunden, wird sie vorsichtig,
mit sanftem Druck mit der Gabel gelöst. Bitte nicht mit
Gewalt handeln, sonst finden Sie das ausgelöste Fleisch
unter Umständen auf der gegenüberliegenden Tischseite
wieder. Nach dem Lösen würzt man die Auster in der Schale
mit Salz, Pfeffer und Zitronensaft. Gegessen wird das
Fleisch mit der Gabel, oder man schlürft es direkt mit der
Flüssigkeit aus der Schale.
Geflügel
Grundsätzlich wird im Restaurant das Geflügelfleisch
mit Messer und Gabel von den Knochen gelöst und
gegessen. Die einzige Ausnahme bildet die Wachtel, die, wenn
sie nicht entbeint serviert wird, mit den Fingern gegessen werden
darf. Aus diesem Grund findet man in den meisten
Restaurants fast nur noch Gerichte mit ausgelöstem Fleisch.
Hummer
Hummer zu essen, ist anstrengend und erfordert
Übung. Wird der Hummer komplett serviert, isst man ihn mit
den Fingern. Beine und Scheren werden per Hand durch
eine Drehbewegung vom Körper getrennt. Sollten die Scheren
noch nicht geknackt sein, verwenden Sie dafür die
bereitliegende Hummerzange (ähnlich wie mit einem Nussknacker).
Das Fleisch ziehen Sie dann mit der Hummergabel
heraus, legen es auf Ihren Teller und essen es mit der
Gabel. Die Beine können Sie einfach mit dem Mund aussaugen.
Der Schwanz wird ebenfalls nach dem Auslösen mit
dem Besteck gegessen. PS: Wegen der Verletzungsgefahr
für Sie selbst und Ihre Tischnachbarn sollten Sie auch beim
Hummer keine rohe Gewalt anwenden, sondern lieber den
Kellner um Hilfe bitten.
Muscheln
Muscheln sind, wenn sie in der Schale serviert
werden, klassisches Fingerfood. Wenn Sie vor einer frisch
gekochten, dampfenden Portion sitzen, suchen Sie sich eine
leere Schale, die Sie wie eine Pinzette handhaben. Mit ihr
ziehen Sie das Muschelfleisch aus den anderen Schalen
und können es direkt zum Mund führen. Alternativ kann man
das Muschelfleisch auch per Gabel auslösen und essen.
Den mitservierten Sud isst man zum Schluss mit dem Löffel,
begleitet von etwas Brot. Wichtig: Geschlossene
Muscheln nicht wie einen Hummer knacken, sondern auf
Seite legen. Sie sind verdorben.
Fazit: Alles lässt sich erlernen. Sollte Ihnen der vor Ihnen
stehende Teller dennoch Rätsel aufgeben, lautet die Devise:
Ruhe bewahren!
Unser Tipp: Abwarten und zusehen, wie
die anderen es machen.
Langfristig sollten Sie sich aber mit Tischmanieren und
gesellschaftlichen Umgangsformen vertraut machen. Schnelle
Hilfe zu diesem Thema finden Sie auch unter
www.sueddeutsche.de/jobkarriere
Coachingzone
Das Geschäft kommt zum positiven Abschluss. Für beide Vertragsparteien Grund genug zum
Feiern, am besten bei einem gemeinsamen Essen. Eine höfliche, wenn auch genüssliche Pflichtübung. Das ist die eine Variante des so
genannten Geschäftsessens. Interessanter und für alle Beteiligten eine Herausforderung ist das Geschäftsessen dann, wenn es als Basis
– oder sagen wir Rahmenbedingung – für die eigentlichen Verhandlungen gilt. Sehen Sie es als eine geschmackvolle
Inszenierung, die das Restaurant-Ambiente und die Küchenleistung als Kulisse für geschäftliche Dinge nutzt, um der
nüchternen Sachlichkeit eine gehörige Portion Lustbarkeit und Wohlbefinden gegenüberzustellen. Machen Sie sich
bewusst: Die Einladung gilt unausgesprochen als Vertrauensbeweis. Der Einladende signalisiert gewollte Nähe, und
der Eingeladene ergreift die Chance, die sterile Atmosphäre des Konferenzraumes mit dem neutralen Terrain eines
Restaurants zu tauschen.
Gemeinsam an einem Tisch zu sitzen und ein essenzielles Bedürfnis zu teilen, wird vor allem in den romanischen
und orientalischen Ländern als höchste Auszeichnung angesehen. Unweigerlich tritt während des Essens eine Entspanntheit ein,
obwohl gleichzeitig alle Sinne sensibilisiert sind. Wenn Sie ein Geschäftsessen organisieren müssen, wählen Sie das Restaurant und den
Küchenstil mit Bedacht und passend zur Bedeutung der geschäftlichen Verhandlungen. Essen in entspannter Atmosphäre
lockert spürbar das Gesprächsklima auf, die von Augen, Nase und Gaumen empfundenen Sinneseindrücke
beeinflussen die eigene Stimmung. Gehen Sie lieber keine Experimente ein, indem sie Ausflüge in exotische Kulinarik
machen, die das Gegenüber in Verlegenheit bringen könnten. Bei der Wahl des Weins ist es erlaubt, den Geschäftspartner
mit erstklassigen Tropfen zu beeindrucken, die Auswahl sollte sich aber im Rahmen des Anlasses bewegen.
CHRISTINA FISCHER
ist Restaurantbesitzerin und Autorin des Buchs "Fischers Weingenuss & Tafelfreuden".
www.fischers-wein.com
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