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Über: Mut

Churchill hielt Mut für die „erste von allen menschlichen Qualitäten, weil er alle anderen garantiert.“
Fontane formulierte präziser „Am Mute hängt der Erfolg.“ Und für den Management-Autor Winfried M. Bauer gilt: „Mut gebiert Optimismus.“ Was ist in Ihren Augen Mut? Wer ist für Sie ein mutiger Mensch? Robert Piterek machte sich auf die Suche nach Menschen. Vorbilder sind sie – auf ihre Weise – alle. Auch für Sie?

Von Robert Piterek

Über:Mut - Quelle: Florian Moser/STOCK4B Mut– um mit einer Binsenweisheit zu beginnen – zeigt sich vor allem in der Überwindung von Angst. Selbst ein Reinhold Messner behauptet von sich, eher ein ängstlicher Typ zu sein. Und das ist wohl auch gut so, denn in extremen Situationen kann Angst überlebenswichtig sein. Angst schärft den Sinn für Gefahr. Nur wer die Gefahr kennt, kann ihr entgegenwirken. Mut ohne Angst ist Leichtsinn. An Angst aber mangelt es wohl den wenigsten, es muss ja nicht gleich das Leben auf dem Spiel stehen. Auch Job, Karriere, Besitz und gesellschaftliche Anerkennung sind Werte, um derentwillen oft genug das Risiko gescheut und Neues gemieden wird.

Dabei lauert die Gefahr zu scheitern nicht nur im Neuen, sondern auch im Altbewährten. Wer scheitert, während er sich an die Norm hält, hat eben Pech gehabt. Wer scheitert, während er sich gegen die Norm stemmt, hat es nicht besser verdient. So das vorgefasste Urteil. Diesen Gegenwind muss ein Mensch erst einmal aushalten können.

Keine Angst vorm Schiffsbruch
Was den Gegenwind angeht, hat Beate Stelzer wenig Berührungsangst. Wenn ihr auf der Brücke des Containerschiffes mit Kurs auf Panama eine steife Brise um die Nase weht, freut sie sich an der Weite des Meeres und weiß, dass sie sich richtig entschieden hat. Vor zehn Jahren, als 31- Jährige, arbeitete sie noch als Krankenschwester. Zusatzqualifikationen und eine leitende Position garantierten Sicherheit, Ansehen und ein akzeptables Einkommen. Es hätte bis zur Rente so weitergehen können. Aber Beate Stelzer hatte „einfach keine Lust mehr“. Ihr fehlten die Aussicht auf Veränderung und der Reiz, den nur das Neue geben kann. Also erinnerte sie sich an einen früheren Berufswunsch, holte an einer Abendschule das Abitur nach, absolvierte ein Studium an der Fachhochschule für Seeverkehr und sammelt zurzeit praktische Erfahrungen als Nautischer Wachoffizier auf einem Frachtschiff. In einem Jahr – so ihre Planung – wird sie ihr Kapitänspatent erhalten und irgendwann das Kommando über ein „eigenes Schiff“ übernehmen.
Wenn die Seefahrt schon immer ihr Traumberuf war, warum hat sie sich nicht gleich dafür entschieden? „Ich habe es mir schlichtweg nicht zugetraut. Ich war einfach noch nicht selbstbewusst genug für diesen Beruf.“ Auch für den Psychologen und Berufsberater Jürgen Hesse ist Selbstbewusstsein die Grundlage mutiger Entscheidungen: „Es ist wichtig zu wissen: Wo stehe ich jetzt, woher komme ich, wohin will ich, was sind meine Bedürfnisse.“ Mut ist für ihn durchaus erlernbar. „Menschen müssen sich erst kennen lernen, sich ihrer Ängste und Erfahrungen bewusst werden. Dann haben sie einen Schlüssel in der Hand, um zukünftige Entscheidungen leichter treffen zu können und negative Erfahrungen besser zu verarbeiten.“

Vor allem diese Angst vor negativen Erfahrungen, vor dem Schiffbruch, gilt es zu überwinden. Nicht nur, wer wie Beate Stelzer dem eigenen Leben eine neue Richtung geben will, hat damit zu kämpfen, sondern erst recht, wer als Politiker oder Manager Entscheidungen von enormer Tragweite trifft. Gerade in Politik und Wirtschaftsleben aber hat eine allgemeine Verzagtheit die Oberhand gewonnen, ein ausgeprägtes Sicherheitsdenken verhindert zuverlässig dringend benötigte Reformen und Innovationen.

Lieber den Spatz in der Hand?
In der Politik heißt es: „Nach der Wahl ist vor der Wahl.“ Mit entsprechenden Ängsten um Karriere, Einkommen, Ansehen sind Mandatsträger gestraft. Wahrhaft mutige Entscheidungen sind rar, weil sie alles kosten können. Kaum anders wirken die Ängste ihrer Wähler. Anstatt die Chance auf eine Verbesserung zu nutzen, wird lieber das Risiko einer Verschlechterung gemieden. Paradox: Gerade in Krisenzeiten, wenn schnelle Entscheidungen wichtiger sind denn je, neigen wir dazu, sie lieber auf die lange Bank zu schieben. Durchaus verständlich, findet Jürgen Hesse: „Wer entscheidet, kann Fehler machen. In Krisenzeiten ist es natürlich wichtig, dass es nicht allzu viele sind. Das lähmt viele Menschen. Sie schieben dann Entscheidungen vor sich her. Aber es ist keine Alternative, keine Fehler zu machen, indem man nichts entscheidet.“

Diese Lähmung beeinflusst auch die Unternehmenskultur hier zu Lande. Die im internationalen Vergleich auffallend geringe Quote von Neugründungen zeugt von einer fast schon beängstigenden Mutlosigkeit. Eine internationale Studie zum Thema – der „Global Entrepreneurship Monitor 2004“ – sieht Deutschland beim Mut zur Selbstständigkeit auf einem unrühmlichen 24. Platz von insgesamt 34. Fraglich ist zwar, ob schillernde Unternehmerpersönlichkeiten wie der Brite Richard Branson noch als mutig oder schon als tollkühn zu bezeichnen sind. Der Begründer des Plattenlabels Virgin hält sich bei der Führung seines gigantischen Mischkonzerns an keine Managementregel, stürzt sich für den guten Werbezweck schon mal in gewagte Abenteuer wie Weltumrundungen per Heißluftballon und plant zurzeit, mit Virgin Galactic demnächst Pauschalreisen in den Weltraum anzubieten.

Zu viel Wagemut? Mag sein. Eine Prise Branson aber könnte den einheimischen Chefetagen den seit langem vermissten Schwung geben. Unternehmen brauchen Pioniergeist, nicht Kleingeist. Visionen statt Patentrezepte. Und Mut. Vor allem Mut, der Rest kommt dann schon von selbst.

Mut zeigt sich nicht nur im Spektakulären
Was das Vertrauen in den Standort Deutschland angeht, ist Wolfgang Grupp Optimist im besten Sinne. Der Leiter des familieneigenen Textilunternehmens Trigema beschäftigt rund 1200 Angestellte, für die er sich, was in manchen Ohren altmodisch klingen mag, „persönlich verantwortlich“ fühlt. Dieses Verantwortungsgefühl führte zu einer Entscheidung, die, vielfach belächelt, sich dennoch als ökonomisch richtig erwies: Trigema produziert allen Abwanderungstendenzen gerade in der Textilindustrie zum Trotz ausschließlich in Deutschland. Aber Grupp garantiert nicht nur seinen Mitarbeitern einen sicheren Job, sondern sogar deren Kindern. Eine so ungewöhnliche wie couragierte Entscheidung beweist, dass Mut und eine konservative Weltsicht keine Gegensätze sind. Dennoch würde Wolfgang Grupp sich selbst kaum als mutigen Menschen bezeichnen. Eher als Mensch mit klaren Grundsätzen. Die weit verbreitete „Hire-and-Fire“-Mentalität ist für ihn absolut inakzeptabel: „Selbstverständlich ist es unser Ziel, erfolgreich zu sein“, räumt er ein. „Aber dabei muss Menschlichkeit garantiert werden. Es kann nicht sein, dass man über Leichen geht. In einem Unternehmen darf es nicht nur auf materielle Werte ankommen. Mitarbeiter sollen nicht nur an der Leistung gemessen werden. Ein älterer Arbeitnehmer beispielsweise, der nicht mehr die Leistung bringt, ist für mich trotzdem wichtig, weil er früher viel für das Unternehmen getan hat.“

Kein Mut ohne Risiko
Wenn Peter Pütz in einem Unternehmen wie Trigema gearbeitet hätte, wäre sein Leben vielleicht anders verlaufen. Aber nach 23 Jahren als Chemotechniker und Top-Betriebsrat in einem großen Chemiekonzern war er der fruchtlosen Kämpfe gegen Stellenabbau und Lohnkürzungen müde. Trotz unkündbarer Anstellung und guten Einkommens beschloss der damals 39- Jährige, sich mit einem Tagungshaus selbstständig zu machen. An sich schon ein mutiger Schritt, schließlich waren von seinem Einkommen auch fünf Kinder aus geschiedener Ehe abhängig. Die Pleite kam prompt, wenn auch anders als erwartet: Kaum war der Aufhebungsvertrag unterschrieben, erkrankte die Exfrau schwer und wurde zum Pflegefall: „Wer die Mutter verloren hat, braucht wenigstens einen ganzen Vater.“ Also verabschiedete sich der angehende Unternehmensgründer von seinen Plänen, arrangierte sich mit Hartz IV und kümmert sich seit zwei Jahren ausschließlich ums Familienmanagement.

Gefahr oder Chance – auf die Einstellung kommt es an
Selbst im Scheitern noch das Positive sehen zu können, ist sicher eine gute Strategie gegen die Angst vor dem Ungewissen. Und vielleicht ist es manchmal auch besser, bei einer Entscheidung gar nicht so genau zu wissen, was da auf einen zukommt. Findet zumindest Beate Stelzer, die zugibt: „Ich habe die Risiken abgewogen. Aber ich habe nicht damit gerechnet, wie viel Kraft ich investieren muss.“ Ob sie die richtige Entscheidung getroffen hat? Manchmal vermisst sie die Sicherheit der früheren Arbeitsroutine. An Bord vermisst sie oft das Leben an Land. Aber wenn sie von der Gewalt des Meeres, der Ruhe, dem Sternenhimmel und den Lichtern bei der Einfahrt in den Hafen schwärmt, wird klar: Beate Stelzer hat den richtigen Weg gewählt.

Mut Angst Depression – Und wie geht es uns heute?

Wozu Mut eigentlich gut ist, ist wie bei allen menschlichen Befindlichkeiten eher unsicher. Sicher ist aber, glaubt man der Erhebung, die ein wissenschaftlicher Zirkel unter dem Vorsitz von Professor F. B. Simon derzeit im Internet präsentiert, dass die deutsche Gesellschaft einigermaßen depressiv ist: Zwanghaftes Grübeln über die eigene Lage, krankhaftes Sparen aus Angst um die Zukunft, zudem steigende körperliche und seelische Bewegungsunfähigkeit. Morbid sei Deutschland, mutlos. Doch die Diagnose des Wissenschaftlerkreises rund um den Psychiater aus Witten-Herdecke ist noch nicht abgeschlossen. Eine Selbsteinschätzung – der eigenen Person und damit unserer Gesellschaft – ermöglicht bis in den November: www.depressionsbarometer.de externer Link .

Martin Rath

Buchtipps:
Vera Bohle: Mein Leben als Minenräumerin Mutig helfen, statt nur berichten – Erlebnisse einer ehemaligen Redakteurin, die zur Minenräumerin umschulte. Fischer Verlag 2005, ISBN 3-596-16690-X, € 8,90.

Mathias Jung: Mut zum Ich – Auf der Suche nach dem EigenSinn. Das Leben ist eine Baustelle – hilfreiche Tipps, das eigene Leben auch mal als Abenteuerspielplatz zu betrachten. dtv-Verlag 2004, ISBN 3-423-34116-5, € 9,–.

Richard Branson: Losing my Virginity. Business ist wie Rock’n Roll. Von der Schallplatte zum Space Shuttle – die Autobiografie des vielleicht wagemutigsten Unternehmers unserer Zeit. Heyne Verlag 2005, ISBN 3-453-64005-5, € 13,–.

Coachingzone

Uta Glaubitz WARUM GIBT ES eigentlich kein Ranking der sichersten Arbeitsplätze? Warum keine Show „Unsere sichersten Jobs“? Vermutlich, weil die DDR dort ganz oben erschiene. Beim VEB Chemie-Ingenieurbau Leipzig zu arbeiten, gehörte damals zu den sichersten Jobs der Welt. Warum lächeln wir darüber? Schließlich erscheint die Sicherheit von Arbeitsplätzen als kostbarstes Gut. Vielleicht spüren wir, dass die vermeintlich absolute Sicherheit Stillstand bedeutet. Wer sich auf ewig im Trockenen wähnt, verliert Antrieb und Mut. Doch auch in Gesamtdeutschland ist Sicherheitsdenken Leitkultur. Neue Ideen haben gegen Sicherheitsvorbehalte keine Chance. Wie oft haben Sie gedacht: „Man müsste mal…“, und Ihre Ideen dann aus Angst vor Veränderung verworfen? So siegt immer der Status quo – so unbefriedigend der auch sein mag. Denn jede Sicherheit hat ihren Preis. Eine Mauer hält Einbrecher fern, versperrt aber die Sicht. Eine Versicherung zahlt, kostet aber Geld. Am sichersten ist es übrigens im Gefängnis. Der Preis sind Freiheit und Individualität.

Ihr Leben aber ist keine Gefängnisstrafe, die Sie absitzen müssen. Fragen Sie sich, wo Sie sein könnten, wenn Sie mutiger wären. Wo würden Sie arbeiten? Mit wem wären Sie zusammen? Oder wie ein Coach der ersten Stunde fragte: Was würden Sie tun, wenn Sie nicht scheitern könnten? Ihre Gedanken dazu bringen Sie auf den Geschmack. Dann brauchen Sie Mut zur Entscheidung. Den Mut, die Durchwurschtelei zu beenden. Ohne Entscheidung würde Käpt’n Stelzer immer noch Blutdruck messen. Und Peter Pütz wäre immer noch Zahlvater. Auch Helden wie Mahatma Gandhi und Sophie Scholl haben sich entschieden. Selbst wenn sie ängstliche Typen waren. Denn Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst. Mut ist die Entscheidung, dass etwas anderes wichtiger ist.
Uta Glaubitz ist Berufsberaterin und Autorin des Buches „Der Job, der zu mir passt“.
www.berufsfindung.de externer Link

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