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"Aus dem Schlamassel wieder rauskommen"

Peter Hochreither
Peter Hochreither war zehn Jahre lang als Führungskraft bei Fielmann. Verschiedene Managementfehler seinerseits führten dazu, dass er 1998 aus dem Unternehmen ausschied. In BERUFSZIEL spricht er über seine Irrtümer und was er aus ihnen gelernt hat.
Interview: Sabine Olschner


Herr Hochreither, wenn Sie auf Ihre Zeit bei Fielmann zurückblicken: Was haben Sie damals falsch gemacht?
Ich habe die Fehler, die ich gemacht habe, von mir gewiesen oder sie ignoriert. Ich habe den Wandel des Unternehmens von einem Mittelständler zu einem Konzern nicht in meine eigene Karriereplanung mit einbezogen. Wenn man erfolgreich mit einem Unternehmen mitwächst, wird man unter Umständen betriebsblind und meint, man werde immer wieder von einem Netz aufgefangen, egal was man tut. Auch ich glaubte daran, was ein großer Fehler war. Die Unternehmenswerte und die Strategien des Unternehmens hatten sich im Laufe der Zeit verändert, und ich habe bei meiner Argumentation nur immer wieder auf die Ursprünge der Firma verwiesen, die betriebswirtschaftlichen Faktoren aber außer acht gelassen.

Wann kamen Sie zu dieser Einsicht?
Erst viel später, nachdem ich schon lange aus dem Unternehmen ausgeschieden war. Wenn man erst mal in einem Prozess drinsteckt, ist es sehr schwer, über den Tellerrand hinauszuschauen. Ich habe auf Kritik eher trotzig reagiert und die Schuld anderen in die Schuhe geschoben. Auch das war ein Fehler. Stattdessen hätte ich überlegen sollen, was falsch gelaufen ist, was ich hätte anders machen und mit wem ich darüber hätte sprechen können, ich hätte die Mitarbeiter mehr einbeziehen und die Umsatzzahlen mehr beachten müssen. Bis man zu dieser Einsicht kommt, ist es oft aber schon zu spät.

Tut solch eine Erkenntnis weh?
Ja natürlich. Aber viel wichtiger als die Emotion ist die Frage, wie man aus dem Schlamassel wieder herauskommt. Was muss ich tun, damit das Unternehmen trotz meines Fehlers weiterhin erfolgreich ist? Zu dieser Frage kommt es meist aber gar nicht, weil die Angst, seinen Job zu verlieren, größer ist als das Innovationspotenzial, das vielleicht in einem Fehler steckt. Auch vor dem Gerede der Kollegen hat man oft Angst. Denn es gibt Mitarbeiter, die die Fehler ihrer Kollegen gern für ihre eigene Karriere ausnutzen. Daher sind die meisten darauf bedacht, dass die Kollegen nichts Schlechtes über sie reden.

Was haben Sie aus Ihren Fehlern gelernt?
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich im Grunde gar nicht so recht in ein Unternehmen hineinpasse. Daher habe ich mich selbstständig gemacht. Jetzt helfe ich anderen, ihr Unternehmen besser zu steuern. Dieser Unabhängigkeitsgedanke war sicherlich schon damals unbewusst der Grund für meine Handlungen. Denn in einer leitenden Funktion fühlt man sich häufig als Unternehmer, obwohl man gar keiner ist. Das kann zu Entscheidungen führen, die für das Unternehmen nicht gut sind. Letztlich arbeiten leitende Angestellte nur dann richtig gut, wenn sie dem Unternehmen dienen und ihre eigenen Bedürfnisse auch mal zurückstellen.

Was lernen die Teilnehmer in Ihren Seminaren?
Zu mir kommen Firmeninhaber, Geschäftsführer und andere Führungskräfte, die sich mit Fehlern in ihrem Unternehmen beschäftigen wollen. Ich versuche zunächst, sie in eine Startposition zu bringen. Denn ein Wandel fängt immer zuerst bei einem selbst an. Häufig erkennen die Seminarteilnehmer nach einer Weile, dass der Fehler gar nicht bei den Mitarbeitern oder dem Unternehmen lag, sondern bei ihrer eigenen Person. Diese Erkenntnis ist ein wesentlicher Faktor zur Veränderung. Manchmal kommen sie sogar zu dem Schluss, dass sie in einem Unternehmen arbeiten, das gar nicht zu ihnen passt, und ziehen die Konsequenzen.

Was sind Sie selbst für ein Fehlertyp?
Mittlerweile hoffe ich, dass ich konstruktiv mit Fehlern umgehe. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass man mit dem, was man tut, im Reinen ist. Man muss seine Entscheidungen begründen können und darf sich nicht beirren lassen. Wenn man absolut davon überzeugt ist, dass das, was man macht, richtig ist, muss man auch in der Lage sein, seine Überzeugung bis zur höchsten Managementebene zu vertreten.




Coachingzone

Sabine Asgodom; Bild von Asgodom live Irren ist menschlich. Was für ein saudummer Fehler! Bah, ist das peinlich. Wie die anderen schauen! Mist. Wenn wir vor dem Scherbenhaufen stehen, schießt uns meist ein Gedanke durch den Kopf: „Wie konnte mir das nur passieren?“. Das Spannende – allein aufgrund der Betonung dieser Frage entscheidet sich, wie wir mit dem Missgeschick umgehen: als Opfer, Täter oder Handelnder. Verfallen wir in die Opferrolle, geben wir Verantwortung aus der Hand. Landen wir in der Selbstbestrafungsfalle, verlieren wir den Mut. Bekommen wir eine Handlungsanleitung, erhalten wir eine Chance zu lernen. Und das alles durch die Betonung eines Satzes? Ja.

Schauen Sie sich die Variante eins an: „Wie konnte mir das nur passieren?“ Mit dieser Betonung bekommt der Satz etwas Weinerliches: Immer bin ich das arme Opfer. Ich konnte doch gar nichts dafür. Warum bestraft mich das Leben so hart? Und außerdem: Die anderen sind schuld, die hätten mir sagen, helfen, mich nicht überschätzen dürfen... Es ist alles so ungerecht! Leider kann ich selbst gar nichts dafür tun, um beim nächsten Mal diesen Fehler nicht zu wiederholen. Ist doch alles Schicksal.

Variante zwei: „Wie konnte mir das nur passieren?!“ Wird das Wort „konnte“ hart betont, führt das direkt in die Selbstbestrafung: Ich bin doch zu dumm. Ich bin unfähig. Immer mache ich alles falsch. Ich sollte es einfach lassen. Es erinnert mich an all die anderen Male, an denen ich ebenfalls unverzeihliche Fehler gemacht habe. Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Ebenfalls der direkte Weg in die Passivität. Es ist halt so, ich bin ein Versager. Und lege damit die Grundlage für viele weitere Versagen.

Nun die dritte Variante: „Wie konnte mir das nur passieren?“ Allein diese andere, nachdenkliche Betonung führt uns aus der Opferrolle auf einen guten Weg. Schon bekommt der Satz etwas Analytisches: Wie ist es zu dem Fehler gekommen? Was habe ich nicht beachtet, nicht gewusst? Was war an diesem Tag los, was hat meine Aufmerksamkeit beeinflusst? Wie war ich selbst drauf? Wie stand ich der Aufgabe gegenüber: aufgeregt, ablehnend, habe ich sie unterschätzt? Wenn ich es schaffe, diese Fragen zu stellen, habe ich eine Chance auf Veränderung, besser auf Weiterentwicklung. Das „Wie“ zeigt Auswege, Handlungsmöglichkeiten. Meine Selbstkritik, die sicher notwendig ist, richtet sich nicht vernichtend gegen meine Person „zu doof“, oder gegen die anderen „so doof“, sondern gegen eine falsche Entscheidung, gegen situatives Unvermögen. Und dies hatte Ursachen.

Fehler gehören zur persönlichen Entwicklung. Sie kennen vielleicht den Satz: „Wir lernen nicht durch Erfolge, sondern durch Misserfolge. “Wenn Sie kleinen Kindern beim Laufenlernen zusehen, sehen Sie diesen Zusammenhang. Autsch, hingefallen, aha, ich muss besser die Balance halten. Schon wieder – Festhalten für den Anfang wär nicht schlecht. Mama mia, schon lieg ich wieder da – also nochmal, langsam einen Fuß vor den anderen. Klappt doch. Es ist ein Wahn zu glauben, dass wir ohne Fehler durchs Leben kommen.

„Shit happens“ sagt der Engländer mit bekannt schwarzem Humor. Wir brauchen aber nicht nur in Unternehmen, wir brauchen auch für uns selbst eine kluge Fehlertoleranz. Einkalkulieren, dass wir Fehler machen, erkennen, wenn wir sie machen, und lernen, damit wir dieselben nicht noch einmal machen. Und dazu braucht es eben den klaren Blick aufs „Wie ist es passiert?“. Je rationeller, klüger wir an diese Frage heran gehen, umso größer die Chance der Reifung.

Fehler geben uns immer eine Botschaft: Etwas stimmte nicht, mit unserer Einstellung, mit unserer Aufmerksamkeit, mit unseren Fähigkeiten, mit unserer Motivation, aber auch mit dem Prozess, mit den Umständen. Der Hauptfeind der ehrlichen Fehleranalyse ist übrigens die Eitelkeit. Aus Eitelkeit werden Fehler nicht zugegeben, unterbleibt die Ursachenforschung. Aus Eitelkeit werden Gründe unter den Teppich gekehrt, Verkettungen nicht eingestanden. Ein Bekannter von mir, Projektleiter in einem mittelständischen Unternehmen, macht mit seinem Team jeden Montagmorgen eine kurze Fehlerkonferenz: Wer hat was in der letzten Woche falsch gemacht? Seine Begründung: „So können wir voneinander lernen, Fehler vermeiden.“

Übrigens: Er fängt immer mit seinen eigenen Fehlern an. Und erklärt vor allem das „Wie“. Wenn Sie Ihre persönliche Fehlerkonferenz einberufen wollen, nutzen Sie die „Fehlersonne“, die ich entwickelt habe und sehr nützlich finde. Hier eine kurze Anleitung: Nehmen Sie ein Blatt Papier quer, unterteilen Sie es in zwei Hälften. Zeichnen Sie in die Mitte der linken Seite einen Kreis und schreiben Sie ein Stichwort für einen Fehler hinein, den Sie gemacht haben und der unangenehme Folgen hatte. Zum Beispiel: „Wichtigen Rückruf vergessen“. Jetzt malen Sie fünf bis sieben Sonnenstrahlen um diesen Kreis und schreiben ans Ende jeden Strahls, welche Umstände zu diesem Fehler geführt haben. Zum Beispiel: 1. War ein unangenehmes Thema; 2. Musste dringend einen Bericht fertig stellen; 3. War an diesem Tag mies drauf; 3. Habe morgens nicht in meinen Kalender gesehen; 4. War alles zu viel an diesem Tag; 5. Eigentlich war ich für den Käse gar nicht zuständig. Je mehr Details Sie von diesem Tag erinnern und je ehrlicher Sie dabei sind, umso besser für den Lernerfolg. Sehen Sie sich diese Fehlersonne gründlich an. Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie daraus? Wie konnte es zu diesem Fehler kommen? Zeichnen Sie dann auf die rechte Seite des Blattes eine neue Sonne, die „Zielsonne“, und notieren Sie in der Mitte, was Sie verändern wollen: „Rückrufe zuverlässig erledigen“. Malen Sie wieder einen Strahlenkranz und finden Sie für jede Ursache von der linken Seite eine positive Veränderung. Zum Beispiel: 1. Lernen, mich für unangenehme Aufgaben zu motivieren; 2. „Nein“ sagen, wenn es zu viel wird; 3. Mit To-do-Listen arbeiten; 4. Mein Zeitmanagement überprüfen; 5. Rechtzeitig Zuständigkeiten mit Kollegen/Vorgesetzten klären. Jetzt falten Sie das Papier in der Mitte. Die Rückseite mit der Fehlersonne können Sie getrost vergessen. Die Zielsonne allerdings sollte Sie ein paar Tage anstrahlen: Kleben Sie das Blatt dahin, wo Sie es mehrmals am Tag sehen können. Der positive Effekt dieser Übung: Sie konzentrieren sich nicht auf den Fehler, sondern auf die Verbesserung. Und das bringt Sie weiter.
Sabine Asgodom, Management-Trainerin, Coach und Buchautorin, München

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