Wer mit den Leitwölfen tanzen will
... muss den Takt beherrschen. Von ihren Erfahrungen als Tanzlehrer berichten Jochen Kienbaum
und Horst Dammer im Interview.
Niemand weiß recht, ob der Leitwolf der Zukunft wirklich
anders aussehen wird als der der Gegenwart. berufSZiel hat da eine Ahnung: Er wird sich zu
MTV-Rhythmen ebenso perfekt bewegen können wie zur Walzer-Musik.
Darum nach den Tanzkursen
mit unseren Gesprächspartnern: Spots für den Young Professional. Zappen Sie sich durch!
Von Martin Rath
Jochen Kienbaum ist seit 1986 Vorsitzender der Geschäftsführung der
Kienbaum Consultants International GmbH. Außerdem ist er Geschäftsführer der
Kienbaum Executive Consultants GmbH.
Seinen beruflichen Werdegang begann
Jochen Kienbaum mit einer Banklehre, anschließend studierte er an der Technischen
Universität Berlin Wirtschaftswissenschaften.
Welche Eigenschaften und Fertigkeiten bringen
heutige „Young Professionals“ mit, die ihren Vorgängern
vor 40 Jahren fehlten?
Die heutigen Young Professionals zeichnen sich im Vergleich
zu ihren Vorgängern durch ein wesentlich höheres
Maß an interkultureller Kompetenz aus.
Heutige Hochschulabsolventen wissen um den
Stellenwert einer internationalen Ausbildung
sowie fundierter Fremdsprachenkenntnisse und
setzen verstärkt auf Auslandserfahrungen in
Form von Praktika und Auslandssemestern.
Übrigens völlig zu recht: Im Zuge der Globalisierung
wird eine internationale Ausbildung immer
wichtiger. Unsere aktuelle High Potential Studie
zeigt, dass Unternehmen bei der Bewerberauswahl
dem Kriterium Auslandserfahrung während
des Studiums oberste Priorität beimessen.
Generell gewichten Unternehmen Soft Skills
stärker und anders als vor 40 Jahren. Dominierte
damals in vielen Unternehmen ein autoritärer
Führungsstil mit stark ausgeprägten hierarchischen
Strukturen, so pflegt der Großteil der
Unternehmen heute einen offenen Führungsstil
mit flachen Hierarchien. In der Folge gewinnen
Soft Skills wie Teamorientierung, Lernbereitschaft,
Eigenmotivation sowie selbstbewusstes
und tolerantes Auftreten an Bedeutung.
Und welche fehlen ihnen, im Vergleich zu ihren
Vorgängern?
Als häufigstes Defizit stellen wir bei
High Potential-Kandidaten gegenwärtig eine
mangelhafte Fähigkeit zur Selbstkritik, fehlende
Konfliktfähigkeit und Selbstüberschätzung fest –
kurzum ein schlechtes Sozialverhalten. Dies
spiegelt sich auch in übersteigerten Ansprüchen,
zum Beispiel in puncto Vergütung, wider. Der
Spielraum beim Fix-Gehalt ist gerade bei Einsteigern
heute nicht mehr so groß wie noch vor
einigen Jahren. Unternehmen setzen immer
mehr auf eine Variabilisierung des Gehaltes.
Das heißt auch: Wer bereit ist, ein höheres Risiko
einzugehen, sich auf seine Fähigkeiten verlässt
und konkrete Leistungsziele als Parameter
für die Höhe seines Gehaltes akzeptiert, kann
überdurchschnittlich verdienen.
Woran sollten sie arbeiten, um diese Mängel zu
beheben?
Die Entwicklung von Persönlichkeitsmerkmalen
kommt an vielen deutschen Universitäten
leider immer noch zu kurz. Die Konzentration
auf fachliche Lerninhalte geht auf Kosten
der Social Skills, die zumeist – wenn überhaupt
– erst am Ende des Studiums „abgehandelt“
werden. Studenten, die sich bereits während
des Studiums beispielsweise mit Kommunikations-
und Moderationstechniken, mit Teamverhalten
oder praxisorientierten Fallstudien
beschäftigen, haben am Ende ihres Studiums
klare Vorteile. Ergänzend bieten betriebliche
Praktika und studentische Nebentätigkeiten
Möglichkeiten, die nachgefragten Persönlichkeitsmerkmale
zu stärken und entsprechende
Fertigkeiten zu üben. Das Erkennen und Analysieren
des eigenen Verhaltens sowie die Aufnahme
von Signalen anderer, Selbstreflexion,
soziale Wahrnehmung und die Fähigkeit zum
Perspektivwechsel gehören zu den sinnvollsten
Personalentwicklungsmaßnahmen beziehungsweise
Trainingsinhalten für Young Professionals.
Steigen die Chancen von „Young Professionals“
in der gegenwärtigen Arbeitsmarktlage durch
die Zögerlichkeit der „Old Professionals“, den
Arbeitsplatz zu wechseln – oder sinken sie?
Generell können wir eine Entspannung des
Arbeitsmarktes nur erzielen, wenn es uns
gelingt, starke und nachhaltige Wachstumsimpulse
zu setzen. Für Young Professionals
werden die Chancen mit dem demografischen
Wandel weiter steigen. Unsere aktuellen Studien
zeigen, dass deutsche Unternehmen im
vergangenen Jahr wieder mehr Nachwuchs eingestellt
haben. Für das kommende Jahr gehen
die Personalchefs zudem davon aus, dass der
Bedarf weiter steigen wird. Fach- und Führungskräfte
werden zu einem raren Gut. Nur wer
seine Personalstrategie heute darauf ausrichtet,
wird im kommenden „war for talents“ siegen.
Wird mit „Management-“ oder „Führungsmodellen“
– in den Wirtschaftswunderjahren „Harzburger
Modell“, heute so genannte systemische Ansätze
– alter Wein in neuen Schläuchen verkauft?
Der Vorwurf vieler Kritiker, dass die Managementlehre
inzwischen ein Reifestadium erreicht
hat, in der es keine neuen Erkenntnisse, sondern
nur noch neue Verpackungen gibt, ist nicht
neu. Inhaltlich würde ich das Harzburger Modell
jedoch nur in einem schwachen Zusammenhang
mit der systemischen Managementlehre sehen.
Auch wenn das Harzburger Modell bis in die
1980er-Jahre den Führungsstil vieler Manager
prägte, spielt es heute nur noch eine untergeordnete
Rolle. Die gegenwärtigen wirtschaftlichen
Herausforderungen verlangen in ihrer
Komplexität nach einem flexiblen und modularen
System. Hier ist der systemische Ansatz mit
Sicherheit ein positives Beispiel für die Innovationsfähigkeit
der Betriebswirtschaftslehre.
Ein Blick in die Glaskugel: Wird es jemals Topmanager
mit einem Achtstundentag geben?
Auf einen Nine-to-five-Job werden Topmanager
auch künftig vergeblich hoffen. Im Gegenteil: Die
zunehmende Globalisierung und Vernetzung
bedingt ein erhöhtes Maß an Flexibilität und
Mobilität. Generell gilt, je höher Sie die Karriereleiter
heraufklettern, je mehr Verantwortung Sie
tragen, desto weniger können Sie eine geregelte
Arbeitszeit erwarten. Das heißt aber nicht, dass
Sie nur noch für den Job leben sollten. Langfristig
sichert nur eine ausgeglichene Work-Life-
Balance persönlichen und unternehmerischen
Erfolg.
Das Harzburger Modell - Ein Modell, das in den Wirtschaftswunderjahren sehr erfolgreich
war. Der Führungsstil in deutschen Unternehmen war bis in die 1950er-Jahre und darüber hinaus
patriarchal-autoritär geprägt. Der „Chef“ war – wie ein Handwerksmeister in seiner Werkstatt – „Herr
im Haus“. Das „Harzburger Modell“ – benannt nach der in Bad Harzburg ansässigen, 1956 gegründeten
Akademie für Führungskräfte – sollte damit brechen. Fortan waren alle im Betrieb Tätigen
„Mitarbeiter“ genannt – inklusive des Chefs. An die Stelle seiner Allzuständigkeit trat das Delegieren
von Verantwortung und die „Mitarbeiterbesprechung“ wurde erfunden.
Horst Dammer ist Geschäftsführer der DDI Deutschland GmbH, einer
Tochter der DDI Development Dimensions International, die mit 75 Büros in 26
Ländern strategisches Personalmanagement anbietet.
Herr Dammer – ganz direkt gefragt: Wie sieht
die Führungskraft von morgen aus?
(Lacht.) Das kann man nicht sagen. Aber es gibt
einige grundlegende Anforderungen, die an die
Führungskraft von morgen gestellt werden müssen
Sie muss Leidenschaft für ihre Arbeit besitzen.
Sie muss uneingeschränkte Integrität besitzen,
den Mut haben, Entscheidungen zu treffen,
und sie muss die Zuversicht und das Vertrauen
in die Zukunft des Unternehmens stärken. Sie
muss andere erfolgreich machen und sich
mühelos in einer Geschäftswelt voller Widersprüche
bewegen können. Leider ist nichts
davon einfach.
Zum Stichwort Assessment Center. Es gibt viel
Wildwuchs. Wie sicher kann sich ein Bewerber,
der ein „AC“ durchlaufen hat, sein, für die richtige
Position „gecastet“ worden zu sein?
Wenn wir ein Besetzungs-AC durchführen, sind
wir – besonders – darum bemüht, den Alltag
des künftigen potenziellen Stelleninhabers zu
simulieren. Er erfährt, wie das Umfeld aussieht,
in dem er sich bewegen wird. Wir bieten dem
Kandidaten damit die Möglichkeit, sich mit den
Anforderungen auseinander zu setzen.
Wir kennen auch das Ergebnis, dass ein Kandidat
sagt: „Wenn sich mein Arbeitsalltag so
gestalten sollte wie im AC, dann möchte ich
den Job gar nicht.“ Ein gutes AC zeichnet sich
dadurch aus, dass, es ein realistisches Abbild
des zukünftigen Arbeitsplatzes ist.
Wenn man nicht sagen kann, was „die“ Führungskraft
der Zukunft mitbringen muss, was
sind Ihre Top-Five?
Das kann sehr unterschiedlich ausfallen. Wenn
Sie beispielsweise aktuell eine Führungsposition
bei Opel innehaben, Sie jahrelang dafür
zuständig waren in einem Wachstumsumfeld zu
führen – dann sehen heute die Anforderungen
an eine Führungskraft, die in demselben Unternehmen
tief schneidende Veränderungen vornehmen
muss, vollkommen anders aus.
Aber grundsätzlich gibt es Kernkompetenzen für
Führungskräfte. Allerdings ist die Bedeutung
dieser Kompetenzen immer im Zusammenhang
mit der jeweiligen Unternehmensstrategie und
-kultur zu betrachten. Als Führungskraft müssen
Sie in der Lage sein, strategische Entscheidungen
zu treffen. Hinzu kommt die Fähigkeit, Business-
Partnerships zu bilden, also Netzwerke aufzubauen.
Da die wichtigste Aufgabe von Führungskräften
die Motivation und Steuerung ihrer
Mannschaft ist, müssen die Führungskräfte in
der Lage sein, ihre Mitarbeiter zu fördern. Hier
sprechen wir von den Kompetenzen „Delegation“,
„Coaching“ und „Empowerment“.
Wie arbeiten Führungskräfte an ihren „Derailern“,
also Persönlichkeitseigenschaften, die
sich erfolgshemmend auswirken?
Entscheidend ist eigentlich, wie viel Schaden
diese Derailer anrichten können. Von einer Führungskraft,
die mit dem Aufbau neuen Werkes
im Ausland beauftragt ist, werden viele Entscheidungen
verlangt, auch wenn nicht alle Informationen
vorliegen, die die Gewähr für die vollkommen
richtige Entscheidung bieten würden. Wenn
eine solche Führungskraft dazu neigt, Entscheidungen
erst dann zu treffen, wenn alle Informationen
vorliegen, und darüber hinaus immer
jemanden benötigt, der die Entscheidungen
„absegnet“, dann wird dieser Mitarbeiter sich in
dem beschriebenen Umfeld nicht nur nicht wohl
fühlen, sondern gegebenenfalls nicht fähig sein,
diese Aufgabe wahrzunehmen. Wenn Sie aber
allgemein fragen:
An Derailern lässt sich ungefähr
so wenig machen wie an Diabetes: Es ist
letztlich eine Frage der Diät.
Wie wichtig ist Coaching?
Coaching ist ein – mittlerweile – weit verbreitetes
Konzept. Der Begriff ist problematisch. Ich
habe oft die Erfahrung gemacht, dass er dem
Coaching durch Externe vorbehalten ist. Wir
sehen aber auch die Führungskraft als Coach
der eigenen Mitarbeiter. Was das Coaching
durch Externe angeht, sind wir in Deutschland
zwar noch nicht auf dem Niveau der USA, wo es
zum Image eines leitenden Angestellten geradezu
dazu gehört, einen Coach zu haben, aber der
Weg ist geebnet.
Und wie wichtig sind heutzutage so genannte
„Führungsmodelle“?
Die klassischen Führungsmodelle sind irrelevant.
Einen autoritären Führungsstil können Sie beispielsweise
heute nicht mehr durchsetzen. Es
geht um Nuancen demokratischer Führung. Ein
absoluter „Derailer“ wäre es etwa, wenn ein
Chef seine Mitarbeiter als Konkurrenten ansehen
würde oder er sich mit den „fremden
Federn“ seiner Angestellten schmücken wollte.
Wolf, mythologisch und realistisch
Jede Mythologie enthält mehr als langweilige Geschichten. Vielleicht hätte mancher Manager den einen oder anderen Arbeitskampf mit
ruhigerem Herzschlag durchlitten, wäre ihm ein Mythos vom Wolf bekannt gewesen: Als Symbol des teuflischen Feindes tritt der Wolf
in der christlichen Bildwelt auf – er bedroht die Herde der Gläubigen, der Lämmer. Nur ein Heiliger kann ihn bezwingen. Ob sich ein solcher
Mythos auf die Arbeitskämpfe bei Opel und VW im vergangenen Jahr anwenden lässt? Ein anderer Mythos vom Wolf erzählt
davon, dass Wölfinnen Menschenkinder, die im Wald ausgesetzt wurden, säugten. Die bekannteste Geschichte, es gibt sie ähnlich
auch in Nordchina, handelt vom mythischen Gründer der Stadt Rom. Die Geschwister Romulus und Remus, von einer Wölfin großgezogen,
beginnen ein Feld zu bestellen, der eine erschlägt den anderen – die auf dem Feld gewachsene Stadt benennt sich bis heute
nach einem Brudermörder (zum Thema „Rivalen“ lesen Sie mehr ab Seite 26). Dieser Mythos wird hoffentlich weniger oft im Wirtschaftsleben
Anwendung finden. Die Verhaltensbiologie räumt inzwischen mit „Scientific Tales“ vom Wolf auf. Im Rudel herrscht demnach
keine strenge Hierarchie mit einem Alphatier an der Spitze und gequälten Omegatieren am Ende. Es ist ein einfacher Familienverband
mit recht optimalen Kooperationsstrukturen. Statt mit Wölfen in Gefangenschaft beschäftigt sich die Forschung inzwischen
vornehmlich mit frei lebenden Tieren. Die moderne Verhaltensbiologie betrachtet dabei die Lebewesen im Ökosystem: Wie gelingt es
etwa dem Wolf, ausreichend Nahrung zu finden, seine Fortpflanzung und sein Sozialleben zu organisieren? – Manche Antwort kann
den Blick des Menschen auf seine Gesellschaft schärfen.
Gandalf der Leitwölfe: Fredmund Malik
„Sitzungen haben den Zweck, Resultate zu produzieren. Sie sind Arbeit
und nicht Freizeit, Vergnügen oder Spaß.“ Sätze wie diese, von der Strenge
eines calvinistischen Pastors, liest man bei Professor Dr. Fredmund
Malik, Haupt des Management Zentrums St. Gallen in der Schweiz. Weil
Malik sein Amt als „Professor“, zu Deutsch „Bekenner“, ernst nimmt,
schrieb er eine „Management-Bibel“, die jeder Young Professional gelesen
haben sollte. Fredmund Malik: Führen, Leisten, Leben. Wirksames
Management für eine neue Zeit, Heyne, 3-453-19684-8, € 9,95. Wozu
diese Lektüre gut sein soll? Worst Case: Man teilt zwar in vielen Punkten
nicht Maliks Meinungen, doch die Kolleginnen und Kollegen tun es. Best
Case: Man lernt noch viel dazu, denn wem werden während des Studiums
schon viele wesentliche Aspekte modernen Managements anschaulich
nahe gebracht?
Das Heulen der Leitwölfe
Beinah ebenso häufig wie mit musikalischen „Talent“-Shows überziehen
die Medien das Land mit der Frage, wer zur „Elite“ gehöre. Und das Führungspersonal
der Wirtschaft beteiligt sich gern an den oft sehr mittelmäßigen
Antworten. Young Professionals – die zu „Old Professionals“ werden
möchten – sollten sich am Mediengeheul (zum Beispiel beim Kaffeeklatsch
am Arbeitsplatz) nicht beteiligen. Denn es steht – wenn auch nicht im Wörterbuch
– geschrieben: Elite ist eine Bevölkerungsgruppe, deren Soziologie
niemand zu schreiben wagt. Wer möchte nicht dazugehören? Außerdem
steht geschrieben – und zwar beim Philosophen Hans Blumenberg – „Eine
Elite macht, indem sie sich erweitert, die zu ihr Zugelassenen zu so entschlossenen
Verteidigern ihrer Privilegien, wie sie zuvor deren erfolgreiche
Bestreiter gewesen waren.“ Bedenkt man den Satz, belächelt man
jede Diskussion um die Notwendigkeit einer „Elite“. Es gibt sie allenthalben.
Orientierung für Leitwolf-Welpen
Selbst – oder erst recht – auf die erste Führungsebene eines professionell
gemanageten Unternehmens gerät heute niemand mehr, wie die
sprichwörtliche Jungfrau an ihr sprichwörtliches Kind. Aufklärung darüber,
was denjenigen erwartet, der erstmals Verantwortung für ein Team übernehmen
darf, das bietet in sehr anschaulicher Form Markus Vorbeck.
Sein Buch „Ab heute bin ich Chef“ ist aus seinen Erfahrungen als junge
Führungskraft gespeist. Wie meistert man die berüchtigten „ersten 100
Tage“? Was gilt es bei der Auswahl von Teammitgliedern zu berücksichtigen,
unter anderem auch unter arbeitsrechtlichen Gesichtspunkten?
Und, besonders schön: Vorbecks Aufforderung, die Chefetage als Haifischbecken
zu sehen – und zu beobachten, während man selbst in diesem
Becken schwimmt.
Markus Vorbeck: Ab heute bin ich Chef. Profi-Training für den ersten Führungsjob,
Econ, ISBN 3-430-19385-0, € 20,–
Initiationsrituale für Leidwölfe – ein typischer Fall
„Ich bin für mein Unternehmen mindestens einmal im Monat im Ausland“,
sagt ein Semi-Young Professional eines nicht unbedeutenden, international
agierenden Unternehmens. „Das allein lässt sich schon nicht leicht
mit meiner Rolle als Vater vereinbaren, denn dreimal im Jahr nach China
zu reisen und Ähnliches mehr, das raubt die Zeit.“ Gleichwohl meint er,
das sei angesichts seiner Verantwortung gut verständlich, jedoch: „Kaum
erträglich ist es, wenn man dann auch noch an ein, zwei, drei Wochenenden
im Jahr in Seminare mit Indianerspielen geschickt wird. Ein schönes
Kloster an einem bayerischen See. Die Teilnehmer dürfen ihre ‚Kooperationsfähigkeit‘
unter Beweis stellen, indem eine Gruppe von erwachsenen
Menschen sich die Augen verbinden lässt, um gemeinsam ein langes,
zusammengeknotetes Seil zu einem Quadrat zu ziehen. Das ist doch Kindergarten-
Psychologie!“ Es liege ein klassischer Zielkonflikt zwischen
der unternehmensphilosophisch angestrebten Förderung von Kooperationsfähigkeit
und der Life-Work-Balance vor. Wo und wann wird der
Leitwolf zum Leidwolf?
Der Leitwolf als Blindenhund
„Da man Macht haben muss, um das Gute durchzusetzen, setzt man
zunächst das Schlechte durch, um Macht zu gewinnen.“ Der Satz
stammt – wiederum – von einem Philosophen, Ludwig Marcuse. Selbst
wer nicht so schwarz sieht: Wie sehr mag zum Beispiel das Image deutscher
Top-Anwälte darunter leiden, dass es zu ihrer „Philosophie“ –
jedenfalls dem Augenschein nach – nicht gehört, für Klienten, die ihre
Honorarwünsche nie finanzieren könnten, einen Prozess zu führen? In
den USA gibt es die Tradition, pro bono zu handeln. Und wie sieht es mit
dem Image der Führungskräfte anderer Branchen aus, deren soziales
Engagement oft im Spenden von Geld endet – inklusive Sektempfang mit
Fingerfood? Mehr, nämlich persönliches Engagement, verlangt das Projekt
„SeitenWechsel“. Hier wird vom Manager erwartet, dass er sich persönlich
zum Beispiel in einem Schulprojekt, der Drogenhilfe oder in
einem Hospiz einsetzt. Wo, wenn nicht dort, kann am Soft Skill Sozialkompetenz
gearbeitet werden? Informationen unter: www.seitenwechsel.com
Der Charakter des Leitwolfs
Auftrittswahrscheinlichkeit ausgesuchter Charaktereigenschaften
Welche Charaktereigenschaften gut oder weniger gut sind, das lässt sich
auch bei Führungskräften nicht abschließend beurteilen. Beispielsweise
kann ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein für eine Beförderung hilfreich
sein. Ganz oben angekommen, in der Rolle eines Vorstandsvorsitzenden
etwa, kann Selbstbewusstsein leicht mit Arroganz verwechselt werden.
Glaubt man indes der DDI-Untersuchung, ist Arroganz nicht das größte
Problem heutiger – und wohl auch zukünftiger – Führungskräfte: Ihren
Mitarbeitern haben die „Chefs“ drei Dinge voraus. Sie sind eher perfektionistisch,
eher exzentrisch und neigen zum „Mikromanagement“. Auf
Deutsch formuliert heißt das: Sie kümmern sich um zu viele Kleinigkeiten.
Quelle: DDI Development Dimensions International
Coachingzone
"Soft Skills", was für ein schönes, sanftes Wort. Woher wissen Young Professionals,
ob sie über diese „weichen“ Fähigkeiten verfügen? Um es auf den Punkt zu bringen: Mögen Sie Menschen, interessieren Sie sich für
Menschen, können Sie zuhören und auf Bedürfnisse anderer eingehen? Wenn Sie viermal mit Ja antworten, dann haben Sie gute
Chancen, sich in einem Team oder als Führungskraft beweisen zu können. In den USA nennt man Menschen, die
ihren IQ mit hoher emotionaler Intelligenz verbinden, „Deep smarts“.
Nur wer neben seiner Fachkompetenz Menschen
begeistern und motivieren kann, wird in Zukunft gute Ergebnisse erreichen.Deshalb: Raus aus dem Spezialisten-
Schneckenhaus. Wecken Sie Ihre Neugier auf Menschen, auf deren Ideen, Fähigkeiten und Erfahrungen.
Kommen Sie ins Gespräch.
Jochen Kienbaum beklagt die Selbstüberschätzung vieler Young Professionals, was
Gehälter betrifft. Wie verhalten Sie sich also, wenn im Bewerbungs- oder Zielfindungsgespräch die Frage nach der
Gehaltsvorstellung kommt? Was heißt „angemessen“? Und macht es noch Sinn, zu pokern? Nach meiner
Erfahrung: Nein, wir leben in einer Zeit der finanziellen Unflexibilität. Das heißt nicht, dass man ohne eine
Vorstellung einer Gehaltsspanne ins Vorstellungsgespräch gehen sollte.
Informieren Sie sich, zum Beispiel
im Internet, welches Gehalt in Ihrem Beruf und Ihrer Branche üblich ist. Darüber hinaus ist souveräne
Zurückhaltung angesagt. Ich würde auf die Frage nach dem Geld lächelnd erwidern: „Ich kenne das
Gehaltsgefüge in Ihrem Unternehmen nicht. Deshalb vertraue ich auf ein faires Angebot Ihrerseits. Was
mich aber viel mehr interessieren würde, sind die langfristigen beruflichen Aussichten...“ Wetten, dass das
Personalchefs gefallen wird?
„Schaffen Sie sich Netzwerke.“ Aber woher nehmen als Mensch mit doch
relativ kurzer Berufserfahrung? Meine Tochter, die kurz vor der Magisterprüfung steht, sagte neulich halb
im Scherz: „Wenn ich später mal bei einer Airline arbeite, kaufe ich die Flugzeuge bei Basti.“ Basti
ist ein Schulfreund von ihr. Und damit hat sie die Grundlage des Netzwerkens skizziert. Bauen Sie Ihre bestehenden Kontakte und
Beziehungen aus. Sie kennen bereits Dutzende von interessanten Leuten: Schulfreunde, Kommilitonen, ehemalige Trainees. Halten
Sie Kontakt zu Ihren Praktikumskollegen, Ihrem ersten Chef. Sorgen Sie vom ersten Tag an im Unternehmen dafür,
sich Verbündete zu suchen, Leute in anderen Abteilungen kennen zu lernen. Gehen Sie auf Kongresse, auf Messen
– und sei es auf eigene Kosten. Das ist Ihre Investition in Ihr ganz persönliches Netzwerk-Portfolio.
Gutes Beziehungsmanagement,
das ergeben Untersuchungen immer wieder, macht mindestens die Hälfte des beruflichen
Erfolgs aus. Die Zeit der Ellenbogen schwingenden Einzelkämpfer ist vorbei! Albert Einstein hat einmal gesagt: „Um
ein tadelloses Mitglied einer Schafherde zu sein, muss man vor allem ein Schaf sein.“
Schaf oder Wolf, das ist hier die eine Frage. Authentizität oder Anpassung ist die andere.
Ich habe in meinem Leben gelernt:
„Alles hat seinen Preis!“ Wofür immer ich mich entscheide, es hat einen Preis, den ich bereit sein muss zu zahlen. Karriere hat ihren
Preis, Kinder zu haben oder nicht zu haben ebenso. Mobilität hat einen Preis, genauso wie das Reihenhaus im netten Vorort.
Es gibt
nur einen, der bestimmen kann, ob er bereit ist, diesen Preis zu bezahlen: Das ist der Mensch, um den es geht. Es
hilft nichts, die Schuld auf andere zu schieben, wenn der Preis zu hoch war: „Mein Chef hat mich gezwungen, 14
Stunden zu arbeiten.“ Oder „Ich musste doch das Projekt übernehmen!“ Das wird die Psychologin in der Reha-Klinik,
die Ihnen hilft, Ihr Burn-out-Syndrom zu überwinden, nicht beeindrucken.
Was ein Mensch gerade in diesen Zeiten braucht, in denen der Druck wächst, die Vorgaben und die Schlagzahl ständig
erhöht werden, ist Zivilcourage. Jeder muss ständig neue Entscheidungen für sein Leben treffen: „Bin ich bereit,
den Preis zu bezahlen?“ Und darauf gibt es ein „Ja“ oder „Nein“.
Wir müssen für die Balance in
unserem Leben sorgen, von Anspannung und Entspannung, Herausforderung und Ruhephasen. Es
geht um Zufriedenheit. Work-Life-Balance ist ein schönes Modewort. Es liegt jedoch an jedem Einzelnen,
für seine Gesundheit vorzusorgen. Denn bei allem Karrierestreben: Wir haben nur ein Leben.
Und das besteht auch aus Lieben und Lachen.
SABINE ASGODOM
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