Lieblingswert: Widerspruch
Jürgen Kluge ist ein Berater, der mobil macht. Nicht nur, weil viele seiner Mandanten aus der Automobilindustrie
kommen und er zu einem Auto ein ganz besonderes Verhältnis hat.
Mehr Bewegung
möchte er auch in Bildungsfragen sehen. Und die Personalpolitik seines Unternehmens bewegt Frauen.
Das Gespräch mit Professor Dr. Jürgen Kluge, dem Deutschlandchef von McKinsey, führten Viola
Strüder und Martin Rath. Mit Bildern von Andrea Dingeldein.
Das Büro, das Jürgen Kluge in Düsseldorf nutzt, wird zum Flur hin nur von einer großen Glaswand
getrennt. An Fläche nicht groß, erlaubt es ihm den Blick auf die Porträts einiger seiner deutschen
Partner-Kollegen – sowie auf die Mitarbeiter vor Ort. Und sie werfen Blicke zurück.
Ihr Büro gleicht einem Aquarium…
(Lacht.) Anfangs nannten es manche auch „Haifischbecken“.
Das höre ich natürlich nicht so gern.
Möchten Sie alles sehen oder lieber gesehen werden?
Beides, ich bin ein Fan von Transparenz.
Sie betonen immer wieder den Wert von Bildung. Hat das einen biografischen Hintergrund?
Ja,
eindeutig. Ich wurde 1953 in eine Flüchtlingsfamilie geboren. Mein Vater kam ursprünglich aus
Schlesien. Er wuchs im Umfeld einer großen Textilfabrik auf, die schon in Gerhart Hauptmanns
„Die Weber“ eine Rolle spielte. Nach dem Krieg und der Vertreibung wurde er Textilingenieur.
Außer dem „bisschen“ Ausbildung hatte er zunächst nichts. Er arbeitete in Acht-Stunden-Schichten.
Immer, wenn er frei hatte, ist er mit mir kleinem ,Dötz‘ spazieren gegangen und hat mir die
Welt erklärt. Mein Vater legte sehr großen Wert darauf, dass ich eine gute Ausbildung mache.
Alles, was ich bin, verdanke ich meinen Eltern und kommt aus meiner Ausbildung. Darum schätze
ich den Wert von Bildung besonders hoch ein.
Sie waren Anfang der 1980er-Jahre im Silicon Valley. Es war seinerzeit geradezu ein Mythos,
was den technologischen und ökonomischen Aufbruchsgeist anging. Warum gibt es in
Deutschland keine solchen Mythen?
Damals war eine besonders günstige Zeit für Laserphysiker,
weil Ronald Reagan gerade das Projekt ‚Star Wars‘ ausgerufen hatte und unglaublich hohe staatliche
Mittel flossen. Für Ausländer gab es in diesem Bereich aus Sicherheitsgründen zwar nur wenige
Beschäftigungsmöglichkeiten, aber Firmen aus dem zivilen Bereich zogen in großem Maßstab
ausländische Mitarbeiter an, da die amerikanischen Kollegen mit ,Star Wars‘ beschäftigt waren.
Was können wir vom Silicon Valley lernen?
Die Konzentration von Wissen und Innovation. Um die
Arbeitslosigkeit in Deutschland durch Innovationen zu beseitigen, bräuchten wir eigentlich vier oder fünf Silicon Valleys. Spannend an solchen ökonomischen „Clustern“, Zusammenballungen,
ist, dass sie sich wie in den USA zyklisch erneuern.
Wo zuerst der Großrechner gebaut wurde, kam später der Mikrocomputer,
gefolgt vom Internet. Auf Talfahrten folgte immer wieder ein Aufschwung.
Die Ansammlung von Talenten, Kapitalgebern und Spezialisten
sowie Universitäten bilden eine Mixtur, die dafür sorgt, dass sich Standorte
wie das Silicon Valley immer wieder neu erfinden. Bei uns glaubt
man, man müsste alte Industrien mit aller Gewalt erhalten. Statt alte
Strukturen abzureißen und etwas Neues hinzusetzen, was am Ende der
erfolgreichere, nachhaltigere Weg wäre.
Ihre Mitarbeiter sind bekanntlich viel unterwegs…
Stimmt.
Warum ist es so wichtig, dass Akademiker „auf die Walz“ gehen?
Dazu vielleicht vorab eine Anekdote: Als ich mich zuletzt mit meiner
Abiturklasse traf, erzählten wir uns, was wir gemacht haben, was wir
geworden sind. Ich hatte den Eindruck, dass es einen starken
Zusammenhang gibt, einerseits zwischen dem Ort, an dem Menschen
ihr Abitur gemacht haben, und der Entfernung, die sie seither zurückgelegt
haben. Und andererseits zu dem Erfolg oder dem geglückten Leben
in dieser Zeit. Man wird bereichert, wenn man in der Fremde Erfahrungen
macht. Leider kleben in Deutschland zu viele Leute an dem Ort, an
dem sie immer schon waren.
Haben Sie eine Idee, woran das liegt?
Ich müsste spekulieren. Vielleicht
liegt es daran, dass viele Menschen aus der Gründergeneration
der Bundesrepublik aus ihrer Heimat fliehen mussten. Vielleicht ist das
heute das Pendel, das zurückschwingt.
Eine andere Frage der Mobilität: Sie sind auch Autohersteller…
(Lacht.) Ja, das stimmt. 17 Berater haben gemeinsam ein Exemplar der
„Shelby Cobra“ nachgebaut. Das Auto fährt ganz prima.
…über eine solche technische Praxis hinaus: Glauben Sie, dass ein
Studium der Physik oder anderer Naturwissenschaften Ihr Denken
besonders prägt?
Sie prägen das Denken schon sehr deutlich. In der
Beratung geht es darum, Probleme zu strukturieren. Jeder Physiker
weiß, dass man dazu ein Koordinatensystem braucht, das man geschickt
oder ungeschickt wählen kann. Es ist zum Beispiel eine leichte
Übung, mit dem rechtwinkligen Koordinatensystem von René Descartes
das Volumen eines Würfels zu berechnen. Aber man tut sich sehr
schwer, damit das Volumen einer Kugel zu ermitteln. Als Berater geht
es dann letztlich darum, das richtige „Koordinatensystem“ einzusetzen,
die richtigen Fragen zu stellen, zu messen und zu vergleichen.
Setzen Berater mit solchen Denkmustern Neues in die Welt?
Oft ist
Beratung das Verbessern von Bestehendem. Gelegentlich kommt es zu
dem Glücksfall, dass etwas wirklich Neues geschaffen wird. Der Vorteil
für Naturwissenschaftler liegt darin, dass es zum Beispiel ein Experimentalphysiker gewöhnt ist, eine bisher als stimmig und schlüssig anerkannte
Theorie aufgrund einer einzigen abweichenden Messung vollständig
in Frage zu stellen. Und das ist manchmal der Moment, in dem
große Innovationen entstehen.
Was heißt das in der Beratung?
Wir schauen uns das Vorgehen der
Unternehmen an, das sie und ihre Mitbewerber wahrscheinlich schon in
Hunderten von Fällen an den Tag gelegt haben und damit auf den
ersten Blick keinen Anlass zur Kritik zu geben scheinen. Aber wenn wir
den Keim einer Erfolg versprechenden oder Schaden vermeidenden
Abweichung sehen, dann haben wir auch die Radikalität zu sagen, dass
es anders gemacht werden sollte.
Sie fördern ausgerechnet Radikalität?
Ja, die „obligation to dissent“
ist mein Lieblingswert. Vielleicht liegt das daran, dass ich als Deutscher
mit der Geschichte der Eltern- und Großelterngeneration groß geworden
bin. Wenn Sie einen Fehler oder eine Verbesserungsmöglichkeit erkannt
zu haben glauben, müssen Sie es sagen. Meistens kommt der Widerspruch
natürlich von den Jüngeren im Team, weil sich die Älteren damit
behelfen, bekannte Muster wieder zu erkennen. Ältere Mitarbeiter müssen
ein feines Gespür dafür entwickeln, den Jungen zuzuhören.
Dieses Gespür scheint aber nicht weit verbreitet zu sein.
So ist es.
Schauen Sie sich zum Beispiel an, wie in großen Unternehmen oder
auch in der Politik manchmal Probleme behandelt werden: Da regiert oft
eine Grundhaltung des „Warten wir mal, vielleicht geht es ja doch gut“.
Ein schönes Beispiel dafür, wie es auch anders gehen kann, ist der
„Chicken Test“: Um festzustellen, ob Flugzeugturbinen Vogelschlag aushalten,
taut man ein tiefgefrorenes Hühnchen auf und wirft es in die
laufende Turbine hinein. Man kann den Chicken Test am Ende einer Entwicklungsreihe
machen, wenn bereits die Abgaswerte und der Treibstoffverbrauch
optimiert wurden. Sinnvoll ist das nicht. Sie müssen sich
trauen, diesen, den schärfsten Test am Anfang zu machen, wenn der
Prototyp gerade läuft und die Einzelwerte noch nicht getestet sind.
Wenn Sie dann das Hühnchen hineinwerfen und es macht „Prrrt“, dann
wissen Sie, dass Sie sich die ganzen weiteren Schritte sparen können.
Leider trauen sich das viele Mitarbeiter nicht.
Sind es Führungskräfte nicht selbst schuld, wenn sie von ihren Mitarbeitern
von Kritik „verschont“ werden?
(Lacht.) Das stimmt…
…und haben nicht viele die Erfahrung gemacht, dass derjenige
„fliegt“, der den Mund aufmacht?

Es ist ein wunder Punkt, dass Kritik
nicht hinreichend belohnt wird. Diesen Part übernehmen oft Beratungsunternehmen.
Was die Führungskräfte anbelangt, so tun sie gut daran,
mit den Leuten an der Basis zu reden. Ich habe ja lange in der Automobilindustrie
gearbeitet. Wenn dort ein Vorstandsmitglied früher auf den
guten Gedanken kam, sein eigenes Produkt zu testen, wies er seinen Assistenten an, ihm einen Testwagen zu beschaffen – statt selbst ans
Band zu gehen, auf einen Wagen zu zeigen und zu sagen: „Den möchte
ich als Probefahrzeug.“ Ich habe selbst erlebt, wie die Autos für Vorstandsmitglieder
und Journalisten auf eine deutlich bessere Qualität
gebracht wurden als die Durchschnittswagen. Es ergibt wenig Sinn,
wenn in Unternehmen solche Potemkinschen Dörfer errichtet werden.
Und heute hat sich das natürlich geändert.
Der Altersdurchschnitt bei McKinsey liegt bei 32 Jahren, viele Ihrer
Alumni wechseln in Führungspositionen. Liegt das daran, dass sie
das „kritische Potenzial“ unserer Wirtschaft sind?
Vor allem liegt es
daran, dass unsere Aufnahmekriterien hart sind.
Ihr Motto heißt „Wir nehmen nur die Besten“. Darf man sich als Mitarbeiter
von McKinsey als Teil einer Elite fühlen?
(Lacht.) Natürlich!
Jede Gesellschaft braucht ihre Eliten, um – ausnahmsweise – Lenin zu
zitieren: „Eliten sind dazu da, in einer Gesellschaft die Richtung und das
Tempo vorzugeben.“
Wie kann ich denn feststellen, ob ich zu den Besten gehöre?
Dies an
sich festzustellen, ist schwierig und davon würde ich dringend abraten.
Sie tun immer gut daran, andere feststellen zu lassen, ob Sie zur Elite
gehören. Eine selbst ernannte Elite ist keine.
Aber Eliten sind doch auch der Teil einer Gesellschaft, deren Soziologie
niemand zu schreiben wagt…
Wir haben in Deutschland ein gebrochenes
Verhältnis zu Eliten, verständlicherweise, wenn man bedenkt,
wer sich hier zu Lande schon alles zur „Elite“ gezählt hat, aufgrund von
Herkunft, „Rasse“ oder Adel. Ich spreche von einer Leistungselite.
Bei den Beratern gibt es ja das Prinzip „up or out“. Wie kann ich
denn feststellen, ob ich mein Leistungspotenzial ausgeschöpft
habe?
Die meisten sind realistisch und merken selbst, wenn sie sich
schwer tun. Sie arbeiten dann am Rand der Belastungsgrenze und
haben keinen richtigen Spaß mehr. Was immer hilft, ist Feedback,
sowohl von unten wie von oben. Je nach Beurteilung heißt es dann,
aufsteigen oder gehen.
Und wer gibt Ihnen solche Feedbacks?
Wir Direktoren werden alle zwei
Jahre evaluiert. Das heißt: Kollegen bewerten Kollegen. Ein internationales
Komitee setzt sich dann rund eine Woche zusammen und kalibriert
die Ergebnisse. Dementsprechend fällt auch die Bezahlung aus.
Sie bemühen sich zurzeit verstärkt um weibliche Mitarbeiter, warum?
Zurzeit sind rund 15 Prozent unserer Berater Frauen, unter den neu eingestellten
liegt der Anteil bei 20 Prozent. Damit bin ich überhaupt nicht
zufrieden. Ich werde nicht eher Ruhe geben, bis wir bei 35 Prozent sind.
Dass wir nicht auf „Fünfzigfünfzig“ kommen, liegt daran, dass es zu wenige Frauen in den Studiengängen gibt, die für uns interessant sind,
und daran, dass viele Frauen leider zu früh aus ihrer akademischen
Laufbahn ausscheiden. Es müssten sich mehr Frauen entscheiden,
Ingenieur zu werden oder Naturwissenschaften zu studieren.
Gibt es Unterschiede im Führungsverhalten?
Die liegen im Wesentlichen
im Stil, nicht im Inhalt. Bei manchen Fragestellungen gehen Frauen
anders und teilweise eleganter vor als Männer. Bei unseren Bewerbungen
zeigte sich übrigens, dass Frauen weniger für sich trommeln.
(Lacht.) Wenn ein Mann in jungen Jahren einmal Kassenwart im Sportverein
war, taucht das in seinem Lebenslauf gern als „erste Managementerfahrung“
auf. Bei näherem Hinsehen zeigt sich aber, dass die
Lebensläufe von Frauen nicht langweiliger sind als die von Männern.
Wie haben Sie das denn festgestellt?
Wir haben das sehr genau untersucht:
Wir haben mehr Frauen mit vermeintlich langweiligeren Lebensläufen
eingeladen oder vorab mit ihnen telefoniert. Viele hatten ebenfalls
interessante Erfahrungen gemacht, diese aber aus Bescheidenheit nicht
angegeben. In unseren Interview-Teams saßen in der Regel vier Fünftel
Männer. Es stellte sich heraus, dass die analytischen Fähigkeiten der
Kandidatinnen im Schnitt leicht besser waren als die der Männer. Kein
Wunder, bei Ihnen war ja die Schwelle mit dem Lebenslauf höher. Aber
sie waren nicht so aggressiv, nicht so „durchsetzungsstark“. Mittlerweile
mischen wir unsere Recruiting-Teams stärker und die männlichen Recruiter
werden besser trainiert. Auch gemischte Berater-Teams sind immer
besser: Wenn drei Mitglieder einen MBA aus Harvard mitbringen, ist das
Ergebnis wahrscheinlich schlechter, als wenn Sie einen MBAler, eine vom
MIT und einen Geisteswissenschaftler zusammenbringen.
In Ihrer Doktorarbeit findet sich der Satz: „Es gibt viel Unerklärtes
auf der Welt, die Wissenschaft ist dazu da, dass es so bleibt.“
Ja,
das ist von Otto Waalkes. Ich brachte ihn zum Schluss, nach bedeutenden
Worten von Goethe und Wagner. Ich habe mir gedacht, ich zitiere
ihn, um ein wenig wider den Stachel zu löcken.
Aber das ist kein Ausdruck Ihrer Erwartungen, was die Ressource
„Bildung“ angeht?
(Lacht.) Nein.
Schlagwort „Life long learning“: Provoziert das nicht eine Gesellschaft,
in der niemand mehr richtig erwachsen wird?
(Lacht.) Mir persönlich ist
ja der Gedanke ganz sympathisch, bis ins hohe Alter nicht ganz erwachsen
zu werden, das Spielerische, das Sich-Entwickelnde zu behalten. Aber
ein bisschen ernster: Wenn Sie vor hundert Jahren Ingenieur wurden,
reichte Ihr Wissen ein ganzes Leben. Wer heute Naturwissenschaften studiert
und sich ein paar Jahre nicht weiterbildet, verpasst den Anschluss.
Abgesehen davon ist Bildung ein potenziell riesiger Markt. Es darf nicht
immer nur darum gehen, im Bildungswesen Kosten zu „deckeln“.
Jürgen Kluge studierte nach dem Abitur zunächst Physik und
schloss das Studium 1984 mit einer Doktorarbeit über Laserphysik
ab. Am INSEAD erwarb Kluge einen MBA. Im selben Jahr
kam er als Berater zu McKinsey & Company, wurde 1989 Partner
und ist seit 1995 Director des Beratungshauses. Er unterrichtet
als Professor Maschinenbau an der TU Darmstadt. Als Deutschlandchef
des geschäftigen Unternehmens steht er morgens um
6:45 Uhr auf, um gegen 8 Uhr am Schreibtisch zu sitzen, meist
fliegt er jedoch zu Klienten. Kluges Arbeitstag im Büro endet in
der Regel zwischen 20 und 22 Uhr, wenn er nicht Abendtermine
wahrnimmt oder auf Reisen ist.
Coachingzone
AUSNAHMEN AUSMACHEN Schauen Sie es den Physikern ab, hinter den kleinen
Abweichungen neue Regeln zu entdecken! Das ist, auch ohne naturwissenschaftlichen Hintergrund, mitunter recht produktiv. Beispielsweise
sind Beratungsbücher zu Managementthemen überwiegend unsäglich, die Denkmuster gleichen wie ein Ei dem anderen.
Die Ratschläge populärer Managementliteratur sind zu simpel für eine komplexe Welt. Das ist die Regel. Eine Ausnahme
in puncto Managementliteratur kann man mit gutem Gewissen machen und als gewinnbringend empfehlen:
„Winning. Das ist Management“ von Jack und Suzy Welch.
Jack Welch war lange Jahre Chief Executive Officer
(CEO) von General Electrics (GE) und schrieb mit seiner Frau ein Managementbuch, erfahrungssatt und darum für
Sie vielleicht hilfreich. Erfahrungssatt, das heißt nicht etwa: Ein älterer Herr verbreitet Weisheiten. Er schenkt
Erfahrungen. In jungen Jahren, Welch war noch frisch im Unternehmen, flog ein Chemietank in die Luft, die Verantwortung trifft ihn. Statt mit einem „Kopf ab“, das bei vielen Vorgesetzten die Regel sein dürfte, begegnete
Welchs Chef ihm mit einer „einfühlsamen Ursachenforschung“, mit der Frage, wo der Fehler lag. Welch
scheint sich die Ausnahme zur Regel gemacht zu haben.
Auf den ersten Blick überraschend mag es auch
sein, wenn er, der sich vor allem als harter Sanierungs-Vorstand von GE einen Namen gemacht hat, einen
einfachen Arbeiter zitiert: „Fünfundzwanzig Jahre lang habt ihr nur meine Hände bezahlt, obwohl ihr auch
meinen Verstand hättet haben können – und zwar gratis.“ Welch hat sein Unternehmen nicht nur hart
saniert, er hat auch mehr Transparenz in der Hierarchie gefördert. Der Satz des ‚einfachen‘ Arbeiters ist
ein Ergebnis, dem weitere folgten. Bevor Sie nun befürchten, Ihnen würden die Memoiren eines ausgeschiedenen
Top-Managers ans Herz gelegt: Nein, nützliche Tipps und Checklisten zum Krisenmanagement oder zur Personalauswahl oder dazu, wie Veränderungen im Unternehmen angegangen werden sollten,
finden sich auch. Aber immer aus Erfahrung gesättigt: „Veränderungen sollten Ihnen nicht den Schlaf rauben. Das ist wirklich
nicht nötig.“ Berufliche Sorgen hatten in Welchs Schlafzimmer offenbar keinen Platz. – Jack und Suzy Welch: „Winning. Das ist
Management“, Campus Verlag 2005, ISBN 3-593-37767-5, € 24,90.
Woran denken Sie bei esoterischer Literatur?
Vermutlich weniger an Managementhexereien als an Gebrauchsanweisungen sehr luftiger Art aus ostasiatischen
Gefilden? Das muss nicht sein. Brauchen Sie jedoch gelegentlich ein Buch, in dem es nicht hemdsärmelig, pragmatisch
und erfahrungsgesättigt zugeht, wie bei Jack Welch? Das zur Reflexion einlädt? Ein Zeitgenosse von René
Descartes, einem Vorbild von Jürgen Kluge, könnte Ihnen – natürlich nur ausnahmsweise – helfen, über Ihre Rolle
im Beruf zu meditieren, weit jenseits dessen, was an weit verbreiteten asiatischen Weisheiten die Regel bildet: Balthasar Graciáns „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“.
Klingt das sehr esoterisch? Vielleicht,
weil es das Buch eines spanischen Jesuiten aus dem 17. Jahrhundert ist. Doch Gracián notiert Verhaltensregeln für Führungskräfte
seiner Zeit. Das ist eigentlich nichts anderes als das, was Jack Welch tut. Nur, sonst wäre Gracián heute völlig uninteressant, sind
sie so konzentriert, dass sie nach über 300 Jahren noch zählen: Wann ist Widerspruch fruchtbar? Mit welchen Mitarbeitern
sollte man sich umgeben? Redet man von sich selbst? Wann präsentiert man seine Leistungen? Gracián
fand Fragen, wichtiger noch als Antworten, mit denen Sie Ihre persönliche Ist-Soll-Analyse aufstellen können,
anders als die anderen. – Balthasar Gracián: „Handorakel und Kunst der Weltweisheit“, Reclam Verlag, ISBN
3-15-002771-3, € 4,40.
Martin Rath – Gastcoach, Querdenker, Schöngeist, Philosoph, liest sich durch moderne und historische Managementliteratur.
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