"Ich habe einen Fehler gemacht"
Fällt Ihnen dieser Satz schwer? Dabei können aus Fehlern Innovationen werden. Wer behauptet, immer alles
hundertprozentig richtig zu machen, leidet an Selbstüberschätzung, und begeht gleich den ersten Fehler.
Perfektionisten sind nicht nur langweilig, sie verspielen auch die Chance, aus den eigenen Fehlern zu lernen und
sich persönlich wie beruflich weiterzuentwickeln.
Von Gudrun Schulz

„Zwei bis fünf Fehler pro Stunde macht jeder Mensch“,meint Professor Dr. Michael Frese. Der Psychologe erforscht an
der Justus-Liebig-Universität in Gießen, wie Fehler als Lerninstrumente kommuniziert und allen Beteiligten im
Unternehmen zugänglich gemacht werden können. Sein Fazit: Ein Betrieb kann nur dann Höchstleistungen erbringen, wenn
aus Fehlern gelernt wird. Lernbereitschaft zahlt sich aus. Frese: „Die Profitabilität von Firmen erhöht sich um
ungefähr 20 Prozent bei hoher Fehlermanagementkultur und reduziert sich um ungefähr 20 Prozent bei
niedriger Fehlermanagementkultur.“
Das Walldorfer Softwareunternehmen SAP hat das Potenzial von Fehlern längst
erkannt und setzt beim Umgang mit den Dingen, die nicht so laufen, wie sie sollen, vor allem auf Transparenz und
Offenheit. „Die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens hängt untrennbar mit der Motivation und gestalterischen
Fähigkeit seiner Mitarbeiter zusammen. Das heißt, nur in einer fehlertoleranten Arbeitsumgebung können Neuerungen
überhaupt entstehen. Umgekehrt: Wo keine Fehler erlaubt sind, können auch keine Neuerungenentstehen“, sagt Hartmut
Hillebrand, Global Head of Executive Development bei SAP. „Wir pflegen deshalb eine sehr offene Kultur. Transparenz
ist dabei das Schlüsselkriterium, um Fehler bereits in ihrer Entstehung zu erkennen – und zu vermeiden. Ein
Arbeitsklima, in dem
Fehler erlaubt sind, ist notwendig, weil sie die Grundlage für Weiterentwicklung und deshalb
auch nicht umsonst sind.“
FEHLER VERMEIDET MAN, INDEM MAN ERFAHRUNG SAMMELT. ERFAHRUNG SAMMELT MAN, INDEM MAN FEHLER MACHT.
Laurence Johnston Peter (1919-90), amerikanischer Managementberater
Auch in anderen Unternehmen hat sich die Erkenntnis mittlerweile durchgesetzt, dass gute Ideen nicht vom Himmel
fallen und Innovationen nicht ohne Fehler zu haben sind. Und das braucht Zeit und Freiraum. Beim
Multitechnologie-Unternehmen 3M beispielsweise haben die Mitarbeiter 15 Prozent ihrer Arbeitszeit zur freien
Verfügung, um an Projekten eigener Wahl zu forschen. Der Automobilhersteller BMW ermunterte vor einigen Jahren
mit der Initiative „Kreativer Fehler des Monats“ seine Beschäftigten, Neues auszuprobieren. Mit Erfolg, wie Bernd
Kriegesmann, Leiter des Instituts für angewandte Innovationsforschung (IAI) Bochum, das die Initiative
wissenschaftlich auswertete, weiß: „Die Mitarbeiter sollten neue Dinge ausprobieren und dabei auch scheitern dürfen.
Die Initiative honorierte, dass jemand gegen den Mainstream angeht und hat auf diese Weise Motivation freigesetzt.“
Allerdings: Fehler ist nicht gleich Fehler. Während eine Null-Fehler-Mentalität der Killer jeder Innovationsbemühung
sein kann, haben Fehler bei Routinetätigkeiten nichts zu suchen. Vor allem nicht, wenn Menschenleben auf dem Spiel
stehen, in der Medizin, bei der Lebensmittelproduktion, im Flugverkehr oder der Konstruktion und Fertigung im
Automobilbau.
Niemand ist unfehlbar – auch nicht der Chef

„Aus Schaden wird man klug.“ Trotz dieser Einsicht ist es um das Ansehen von Fehlern laut Professor Frese, der
seit mehr als 20 Jahren zu dem Thema forscht, in Deutschland nicht gut bestellt. „Beim Fehlermanagement steht
Deutschland von 62 Ländern an vorletzter Stelle“, so Frese. Abweichungen vom Soll seien im Land der Normen nicht
gern gesehen, weil sie Unsicherheit und Ängste auslösten. Hinzu komme, dass die meisten deutschen Manager nach
Ansicht des Fehlerforschers weder Klima noch Kultur in ihrem Betrieb kennen, geschweige denn über die Qualifikation
verfügen, diese positiv zu beeinflussen. So reduziere sich der Umgang mit Fehlern in Deutschland vielerorts noch
immer auf Vertuschungsversuche.
Gefangen im Tagesstress und dem Wunsch, alles möge möglichst glatt ablaufen, gilt oft noch die Maxime: Warum
eine bewährte Strategie ändern, wenn bislang doch alles gut gegangen ist? Während in der Produktion beim
Auftreten von Fehlern die Maschinen sofort gestoppt werden, wird im Management erst einmal weiter Kurs
gehalten. „Gerade Manager, die nicht ganz sattelfest in ihrem Job sind, scheuen sich, etwas Unangenehmes zu
sagen, und haben oft Angst, einen Mitarbeiter auf einen Fehler aufmerksam zu machen. Es herrscht eine Mentalität
des Wegschauens getreu dem Motto‚solange niemand etwas sagt, wird die Sache schon laufen’“, sagt Managementtrainerin
Christine Öttl.
EINEN FEHLER MACHEN UND IHN NICHT KORRIGIEREN – DAS ERST HEISST WIRKLICH EINEN FEHLER MACHEN.
Konfuzius (551-479 v.Chr.), chinesischer Philosoph
Wer sich aber bei Fehlern gemäß der Vogel-Strauß-Taktik konsequent wegduckt, vergibt die Chance zum
Wandel und riskiert eventuell sogar eine existenzielle Krise. Die Wiener Kommunikationsberaterin Karin
Kreutzer sieht in der Etablierung einer Fehlerkultur deshalb eine wichtige Aufgabe der internen Kommunikation.
„Es geht nicht darum, irgendwelche Leitlinien aufzuschreiben, sondern vielmehr darum, als Führungskraft vorzuleben,
dass auch der Chef nicht perfekt ist. Allerdings darf Fehlerkultur auch nicht als unreflektierte Aufforderung zum
Fehlermachen verstanden werden. Entscheidend ist, dass Mitarbeiter
keine Angst davor haben, Fehler zu machen,
weil sonst in den meisten Fällen eine Vertuschungskultur entsteht. Stattdessen sollten sie die Möglichkeit haben,
konstruktiv mit ihnen umzugehen.“ Fehler ja, aber bitte nicht zweimal, heißt deshalb die Devise beim
Kommunikationsunternehmen Motorola. „Wir betreiben ein systematisches Training für alle Mitarbeiter, wobei
Fehlervermeidung nicht im Vordergrund steht“, sagt Heinrich Korte, Personalleiter bei Motorola. „Die Vorgabe für
unsere Mitarbeiter ist, lieber zu handeln als zu warten, auch mit dem Risiko, einen Fehler zu begehen. Durch
Training, zum Beispiel im Rahmen von Six Sigma, wird das Risiko natürlich minimiert, denn den gleichen Fehler
zweimal akzeptieren wir nicht.“
Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist
Ob Topmanager oder Young Professional – vor einem Lapsus ist niemand gefeit und auch der größte Perfektionist
bleibt von Fehlern nicht verschont. Ist das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen, geht es deshalb meist um
schnelle und effektive Schadensbegrenzung. Als Erste-Hilfe-Maßnahme empfehlen sich
Offenheit und Ehrlichkeit.
Schließlich kann Vertuschen von Schwachstellen und Missgeschicken weitaus größere Effekte haben als der
eigentliche Fehler selbst. Phänomen Schneeballeffekt: Je länger man wartet, ein Problem anzusprechen, umso größer
ist hinterher der Schaden. Eine Falle, in die gerade Berufseinsteiger oft tappen, weil sie Konsequenzen noch nicht
richtig einschätzen können. Was aus ihrer Perspektive ein kleiner Patzer scheint, kann trotzdem weit reichende
Folgen haben. Heinrich Korte von Motorola rät jungen Menschen deshalb, genau hinzuschauen. „Anfänger müssen sich
bewusst sein, dass sie noch lernen. Viele wollen ihr frisch erworbenes Wissen anwenden, sollten aber zu Beginn
sorgfältig beobachten, was die Kollegen machen, die bereits mehr Erfahrung haben. Nicht alles ‚Alte’ ist gut, aber
eben auch nicht schlecht.“
DAS IST DAS SCHÖNE AN EINEM FEHLER: MAN MUSS IHN NICHT ZWEIMAL MACHEN.
Thomas Alva Edison (1847-1931), amerikanischer Erfinder
Auslöser für viele Anfängerfehler kann auch ein Mangel an Informationen sein. Als persönliche
Fehlervermeidungsstrategie empfiehlt Christine Öttl deshalb vor allem eines: fragen, fragen, fragen. Gerade
Absolventen täten sich schwer damit zuzugeben, dass sie etwas nicht wissen, und versuchten, sich erst einmal
so durchzuschlagen. „Wer neu ist, kann nicht gleich vom ersten Tag an alles wissen. Außerdem ist es viel
peinlicher, Fehler zu machen, als einzugestehen, dass man etwas nicht weiß.“ Ihr Rezept: gut zuhören, alles
aufschreiben und den Vorgesetzten auch mal direkt auf bekannte Fehlerquellen ansprechen. Wenn alles zu spät
ist und der Fehler passiert, sollte man die Karten offen auf den Tisch legen und im Idealfall gleich eine
Lösung präsentieren, wie man Probleme künftig vermeiden will. Schließlich schätzen auch Vorgesetzte
Konstruktivität mehr als Katastrophenstimmung. Karin Kreutzer: „Anstatt zu jammern und hundertmal zu
hinterfragen, warum etwas schiefgegangen ist, sollte man seine Energie lieber in die Problemlösung stecken. “Wer
sich erst einmal zur Beichte durchgerungen hat, sollte darauf achten, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Wer
merkt, dass der Chef unter Druck steht und im Stress ist, schlägt am besten vor, die Sache später und in Ruhe bei
einem Kaffee zu besprechen. Weniger gut kommt dagegen an, wer versucht, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und
dem Kollegen das Malheur in die Schuhe zu schieben.
EIN LEBEN, DAS JEMAND DAMIT VERBRINGT, FEHLER ZU MACHEN, IST NICHT NUR EHRENVOLLER, SONDERN AUCH NUTZBRINGENDER
ALS EIN LEBEN, DAS MIT NICHTSTUN VERBRACHT WIRD.
George Bernard Shaw (1856-1950), irischer Schriftsteller
Mindestens ebenso wichtig wie ein ehrliches Schuldeingeständnis ist die anschließende Analyse. Um Fehler künftig
zu vermeiden, muss der Sache auf den Grund gegangen werden: Handelt es sich lediglich um einen
Flüchtigkeitsfehler? Laufen Prozesse nicht optimal? War der Mitarbeiter überlastet? Benötigt er eine zusätzliche
Schulung oder entspricht seine Aufgabe vielleicht gar nicht seinen Fähigkeiten und Talenten?
Auch SAP stellt bei Fehlern die Frage nach dem Warum. Hartmut Hillebrand: „Unsere Ziele sind klar formuliert. Oft
gibt es aber mehrere Wege, die dorthin führen. Dabei können Fehler vorkommen. Es ist deshalb wichtig zu
erkennen, warum Fehler gemacht wurden, und
Korrekturmaßnahmen einzuleiten. Entscheidend dabei ist, dass Fehler nicht
zur Charakterisierung einer Person herangezogen werden, denn niemand ist fehlerfrei. “ Sicher ist: Die Debatte um
Fehlerkultur und Fehlermanagement ist in den vergangenen Jahren in Schwung gekommen. Dass sich der Umgang mit
Fehlern dadurch nachhaltig verändert hat, ist damit allerdings noch nicht gesagt. Bernd Kriegesmann vom IAI ist
skeptisch: „Angesichts der Arbeitsverdichtung und des Arbeitsplatzabbaus bleibt den Mitarbeitern oft kaum mehr
Raum, etwas auszuprobieren. Stattdessen laufen sie dem Routinegeschäft hinterher.“ Positive Ansätze beobachtet
Kriegesmann dagegen vor allem im Mittelstand. Anders als Großunternehmen seien mittelständische Unternehmen
noch am ehesten bereit, einem Mitarbeiter Geld und Zeit zur Verfügung zu stellen, um Neues auszuprobieren.
ES STEHT SCHLIMM UM EINEN MENSCHEN, AN DEM MAN NICHT EINEN EINZIGEN SYMPATHISCHEN FEHLER ENTDECKEN KANN.
Benjamin Disraeli (1804-81), britischer Politiker und Schriftsteller
Fehler, so unangenehm sie für alle Beteiligten sind, können neben einem Erkenntnisgewinn wichtige Impulse für
die eigene berufliche Entwicklung bringen. Wie im Fall von Peter Hochreither. Der ehemalige Fielmann-Filialleiter
schied 1998 aus dem Unternehmen nicht allein deshalb aus, weil er sich einige Managementfehler leistete, sondern
vor allem weil er sie nicht zugegeben hatte. Heute ist Hochreither als erfolgreicher Managementtrainer
tätig – und bringt anderen bei, wie sie mit Fehlern am besten umgehen.
SIX SIGMA: Fehlervermeidung mit Methode
Ein strategisches Mittel der Fehlervermeidung ist die Six Sigma Methode, die in den 80er Jahren von Motorola im
Rahmen einer Qualitätskampagne entwickelt wurde. Die Methode soll helfen, Fehler und Qualitätsprobleme zu
eliminieren, Unternehmensprozesse kontinuierlich zu verbessern und damit Kosten einzusparen. Die Idee
dahinter: Qualität muss auf allen Ebenen des Unternehmens praktiziert werden und potenzielle Fehlerquellen
müssen in jedem Arbeitsschritt identifiziert werden. Als Folge sollen in Unternehmen, die flächendeckend
nach Six Sigma organisiert sind, keine Nachbesserungen anfallen und Prozesse nahezu fehlerfrei laufen. Motorola
will durch die verminderten Fehlerkosten bis heute über elf Milliarden Euro eingespart haben. In Deutschland hat
sich die Zahl der Unternehmen, die Six Sigma einsetzen, nach Angaben von Matthias Schneider, Professor für
Produktion und Verfahrenstechnik an der Fachhochschule Köln, in den vergangenen zwei Jahren auf 200 verdoppelt.
KULTUR der zweiten Chance
Auch wenn die Debatte um die Fehlerkultur in Unternehmen seit einigen Jahren verstärkt geführt wird, tut man sich
in Deutschland nach wie vor schwer damit, Fehler einzugestehen. Misserfolge werden hierzulande gern als Zeichen
für Unfähigkeit, Inkompetenz und Versagen gedeutet. Jenseits des großen Teiches geht man dagegen meist weitaus
gelassener mit der eigenen Fehlbarkeit um. Viele Amerikaner nehmen kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, das
eigene Scheitern einzugestehen, und im Wirtschaftsmagazin Forbes berichten Manager regelmäßig über ihre größten
Fehltritte. Auch was Unternehmensgründungen angeht, zeigt sich Deutschland deutlich zaghafter. Aus Angst vor
einem Flop wirft fast jeder zweite potenzielle Gründer die Flinte wieder ins Korn, noch bevor er seine Idee
überhaupt umgesetzt hat. Ganz anders die Amerikaner, die sich den Pioniergeist der Gründerväter bewahrt haben. Dort
schreckt nur jeder Fünfte davor zurück, seine Firmenidee tatsächlich zu verwirklichen. Anders als in Deutschland
bekommen Selbständige in den USA eine zweite, und wenn nötig, auch eine dritte Chance. Dass es mit dem eigenen
Geschäft nicht auf Anhieb funktioniert, gilt in den USA nicht als Scheitern. Im Gegenteil: Unternehmensgründer
werden für ihren Mut, etwas gewagt zu haben, respektiert.
Ein Grundstein für das zwiespältige Verhältnis der
Deutschen zu ihren Fehlern wird schon in der Schule gelegt. Eine falsche Antwort wird oft übergangen oder mit
einem knappen Kommentar negativ bewertet. Zwar heißt das Sprichwort „Aus Fehlern wird man klug“, in der Regel
erfahren Schüler nach dem Motto „setzen, sechs“ aber erst einmal, dass Fehler sanktioniert werden und Synonym
für Schwäche, Nichtwissen und Defizite sind. „Es wird uns schon in der Schule anerzogen, dass Fehler etwas
Schlechtes sind“, sagt Christian Harteis, wissenschaftlicher Assistent am Institut für Pädagogik an der
Universität Regensburg. Und Erziehungswissenschaftler Professor Fritz Oser von der Universität Fribourg spricht
in diesem Zusammenhang vom „Bermudadreieck“, weil Lernpotenzial gleich einem Flugzeug in einem mysteriösen
Bermudadreieck verschwindet.
Vom Flop zur Innovation
Fehler sind oft die Grundlage einer Innovation. Viele Erfindungen sind nicht dem Geistesblitz eines genialischen
Forschers zu verdanken, sondern Resultat eines missglückten Versuchs. Beispiel Post-it: Die kleinen gelben
Zettelchen, die heute von keinem Schreibtisch mehr wegzudenken sind, erwiesen sich zunächst als glatte
Fehlentwicklung. Ein Mitarbeiter der Klebstoffabteilung beim Multitechnologie-Unternehmen 3M wollte eigentlich
einen neuen Super-Klebstoff erfinden. Was nach monatelangem Forschen herauskam, war jedoch ein Produkt, das
nicht dauerhaft klebte und damit komplett unbrauchbar schien. Dass die kleinen Haftnotizen dann doch noch den
Markt eroberten, geht auf das Konto eines 3M-Kollegen. Der sang in seiner Freizeit im Kirchenchor und war
genervt von den Lesezeichen, die ihm dauernd aus dem Gesangbuch fielen. Der missglückte Super-Kleber kam ihm da
gerade recht und die Idee des Post-its war geboren. „Fehler wird es immer geben. Aber die Fehler der Mitarbeiter, die
meist die richtigen Dinge tun, sind nicht so gravierend wie die, die dadurch entstehen, dass das Management den
Verantwortlichen genau vorschreiben will, wie sie ihre Arbeit zu verrichten haben“, lautet die
3M-Firmenphilosophie. „Ein Management,das überkritisch auf Fehler reagiert, zerstört Eigeninitiative. Doch Mitarbeiter
mit persönlichem Engagement sind lebenswichtig, wenn ein Unternehmen weiter wachsen will.“ Auch das
Potenzmittel Viagra verdankt die Männerwelt einem Zufall. Eigentlichwaren die Forscher von Pfizer auf der Suche
nach einem neuen Medikament gegen Herzerkrankungen. Das Forschungsergebnis war jedoch wenig befriedigend, die
Nebenwirkungen dafür waren umso interessanter und führten letztlich zum Verkaufsschlager Viagra. Fälle wie diese
sind keine Ausnahmen. Scheitern gehört zur technischen Entwicklung dazu, und 85 bis 95 Prozent aller Entwicklungen
gelangen laut Technikhistoriker Reinhold Bauer nie zur Marktreife.
Buchtipps
Karin Kreutzer:
Angst vor Fehlern? Schwerer Fehler!
Leykam Verlag, Graz 2003; ISBN 3-7011-7476-8; 17,90 Euro
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Arthur Freeman, Rose DeWolf:
Die 10 dümmsten Fehler kluger Leute
Piper Verlag; ISBN 3492240283; 8,90 Euro
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Peter Hochreither:
Fehlermanagement im Unternehmen. Wie aus Fehlern Umsatz und Gewinn werden
Edition Praxiswissen; Business Village ; ISBN 3-934424-43-0; 21,80 Euro
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Johann Wappis, Berndt Jung:
Taschenbuch Null-Fehler-Management. Umsetzung von Six Sigma
(erscheint voraussichtlich Mai 2006); Hanser Fachbuchverlag; ISBN: 3-446-40624-7; 29,90 Euro
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Gerard Nierenberg:
Do It Right The First Time: A Short Guide to Learning from Your Most Memorable Errors, Mistakes and Blunders
Verlag John Wiley & Sons; 18,95 Euro
Coachingzone
Irren ist menschlich.
Was für ein saudummer Fehler! Bah, ist das peinlich. Wie die anderen schauen! Mist. Wenn wir vor dem
Scherbenhaufen stehen, schießt uns meist ein Gedanke durch den Kopf: „Wie konnte mir das nur passieren?“. Das
Spannende – allein aufgrund der Betonung dieser Frage entscheidet sich, wie wir mit dem Missgeschick umgehen: als
Opfer, Täter oder Handelnder. Verfallen wir in die Opferrolle, geben wir Verantwortung aus der Hand. Landen wir in
der Selbstbestrafungsfalle, verlieren wir den Mut. Bekommen wir eine Handlungsanleitung, erhalten wir eine Chance
zu lernen. Und das alles durch die Betonung eines Satzes? Ja.
Schauen Sie sich die Variante eins an: „Wie konnte
mir das nur
passieren?“ Mit dieser Betonung bekommt
der Satz etwas Weinerliches: Immer bin ich das arme Opfer. Ich konnte doch gar nichts dafür. Warum bestraft mich das
Leben so hart? Und außerdem: Die anderen sind schuld, die hätten mir sagen, helfen, mich nicht überschätzen dürfen...
Es ist alles so ungerecht! Leider kann ich selbst gar nichts dafür tun, um beim nächsten Mal diesen Fehler nicht zu
wiederholen. Ist doch alles Schicksal.
Variante zwei: „Wie
konnte mir das nur passieren?!“ Wird das Wort „konnte“ hart betont, führt das direkt in
die Selbstbestrafung: Ich bin doch zu dumm. Ich bin unfähig. Immer mache ich alles falsch. Ich sollte es einfach
lassen. Es erinnert mich an all die anderen Male, an denen ich ebenfalls unverzeihliche Fehler gemacht habe. Ich
bin ein hoffnungsloser Fall. Ebenfalls der direkte Weg in die Passivität. Es ist halt so, ich bin ein Versager. Und
lege damit die Grundlage für viele weitere Versagen.
Nun die dritte Variante: „
Wie konnte mir das nur passieren?“ Allein diese andere, nachdenkliche Betonung
führt
uns aus der Opferrolle auf einen guten Weg. Schon bekommt der Satz etwas Analytisches: Wie ist es zu dem Fehler
gekommen? Was habe ich nicht beachtet, nicht gewusst? Was war an diesem Tag los, was hat meine Aufmerksamkeit
beeinflusst? Wie war ich selbst drauf? Wie stand ich der Aufgabe gegenüber: aufgeregt, ablehnend, habe ich sie
unterschätzt? Wenn ich es schaffe, diese Fragen zu stellen, habe ich eine Chance auf Veränderung, besser auf
Weiterentwicklung. Das „Wie“ zeigt Auswege, Handlungsmöglichkeiten. Meine Selbstkritik, die sicher notwendig ist,
richtet sich nicht vernichtend gegen meine Person „zu doof“, oder gegen die anderen „so doof“, sondern gegen eine
falsche Entscheidung, gegen situatives Unvermögen. Und dies hatte Ursachen.
Fehler gehören zur persönlichen Entwicklung. Sie kennen vielleicht den Satz: „Wir lernen nicht durch Erfolge, sondern
durch Misserfolge. “Wenn Sie kleinen Kindern beim Laufenlernen zusehen, sehen Sie diesen Zusammenhang. Autsch,
hingefallen, aha, ich muss besser die Balance halten. Schon wieder –
Festhalten für den Anfang wär nicht
schlecht. Mama mia, schon lieg ich wieder da – also nochmal, langsam einen Fuß vor den anderen. Klappt doch. Es
ist ein Wahn zu glauben, dass wir ohne Fehler durchs Leben kommen.
„Shit happens“ sagt der Engländer mit bekannt schwarzem Humor. Wir brauchen aber nicht nur in Unternehmen, wir
brauchen auch für uns selbst eine kluge Fehlertoleranz. Einkalkulieren, dass wir Fehler machen, erkennen, wenn wir
sie machen, und lernen, damit wir dieselben nicht noch einmal machen. Und dazu braucht es eben den klaren Blick
aufs
„Wie ist es passiert?“. Je rationeller, klüger wir an diese Frage heran gehen, umso größer die Chance
der Reifung.
Fehler geben uns immer eine Botschaft: Etwas stimmte nicht, mit unserer Einstellung, mit unserer
Aufmerksamkeit, mit unseren Fähigkeiten, mit unserer Motivation, aber auch mit dem Prozess, mit den Umständen. Der
Hauptfeind der ehrlichen Fehleranalyse ist übrigens die Eitelkeit. Aus Eitelkeit werden Fehler nicht
zugegeben, unterbleibt die Ursachenforschung. Aus Eitelkeit werden Gründe unter den Teppich gekehrt, Verkettungen
nicht eingestanden. Ein Bekannter von mir, Projektleiter in einem mittelständischen Unternehmen, macht mit seinem
Team jeden Montagmorgen eine kurze Fehlerkonferenz: Wer hat was in der letzten Woche falsch gemacht? Seine
Begründung: „So können wir voneinander lernen, Fehler vermeiden.“
Übrigens: Er fängt immer mit seinen eigenen Fehlern an. Und erklärt vor allem das „Wie“. Wenn Sie Ihre persönliche
Fehlerkonferenz einberufen wollen, nutzen Sie die „Fehlersonne“, die ich entwickelt habe und sehr nützlich finde. Hier
eine kurze Anleitung: Nehmen Sie ein Blatt Papier quer, unterteilen Sie es in zwei Hälften. Zeichnen Sie in die Mitte
der linken Seite einen Kreis und schreiben Sie ein Stichwort für einen Fehler hinein, den Sie gemacht haben und der
unangenehme Folgen hatte. Zum Beispiel: „Wichtigen Rückruf vergessen“. Jetzt malen Sie fünf bis sieben Sonnenstrahlen
um diesen Kreis und schreiben ans Ende jeden Strahls, welche Umstände zu diesem Fehler geführt haben. Zum
Beispiel: 1. War ein unangenehmes Thema; 2. Musste dringend einen Bericht fertig stellen; 3. War an diesem Tag mies
drauf; 3. Habe morgens nicht in meinen Kalender gesehen; 4. War alles zu viel an diesem Tag; 5. Eigentlich war ich
für den Käse gar nicht zuständig. Je mehr Details Sie von diesem Tag erinnern und je ehrlicher Sie dabei sind, umso
besser für den
Lernerfolg. Sehen Sie sich diese Fehlersonne gründlich an. Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie
daraus? Wie konnte es zu diesem Fehler kommen? Zeichnen Sie dann auf die rechte Seite des Blattes eine neue
Sonne, die „Zielsonne“, und notieren Sie in der Mitte, was Sie verändern wollen: „Rückrufe zuverlässig erledigen“.
Malen Sie wieder einen Strahlenkranz und finden Sie für jede Ursache von der linken Seite eine positive
Veränderung. Zum Beispiel: 1. Lernen, mich für unangenehme Aufgaben zu motivieren; 2. „Nein“ sagen, wenn es zu viel
wird; 3. Mit To-do-Listen arbeiten; 4. Mein Zeitmanagement überprüfen; 5. Rechtzeitig Zuständigkeiten mit
Kollegen/Vorgesetzten klären. Jetzt falten Sie das Papier in der Mitte. Die Rückseite mit der Fehlersonne können
Sie getrost vergessen. Die Zielsonne allerdings sollte Sie ein paar Tage anstrahlen: Kleben Sie das Blatt
dahin, wo Sie es mehrmals am Tag sehen können. Der positive Effekt dieser Übung: Sie konzentrieren sich nicht auf
den Fehler, sondern auf die Verbesserung. Und das bringt Sie weiter.
Sabine Asgodom, Management-Trainerin, Coach und Buchautorin, München
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