Chili con Charme - Die richtige Würze für Ihre Karriere
Wenn Sie sich richtig durchgesetzt hätten, würden Sie das neue Projekt jetzt
verantworten. Ihre Idee war die bessere, aber jemand hat wortgewandt die Oberhand
gewonnen. Was heißt „richtig durchsetzen“? Jens Weidner plädiert für die „Peperoni-
Strategie“: Er zeigt auf, wie man natürliche Aggressionen konstruktiv einsetzt
und vorankommt. Auch charmante Hartnäckigkeit führt zum Ziel: Susanne Westphal
berichtet von circender (Ver-)Führung. Fehlt es Ihnen an Biss oder Charme?
Ein Denk-Zettel für werdende Sieger.
Von Martin Rath

Es geht zu wie in einer evangelikalen Zeltmission. Allein: Es soll
„Teuflisches“ schmackhaft gemacht werden. Da nimmt es nicht Wunder,
dass die vielleicht 200-köpfige Gemeinde, die sich an jenem kühlen
Sommerabend in einem Saal des Maritim-Hotels in Köln versammelt
hat, keinem Gottesmann lauscht. Jens Weidner, Pädagogikprofessor
und Kriminologe aus Hamburg, predigt mit Headset und
Beamer. Seine böse Botschaft lautet: Wer Karriere macht, setzt seine
natürliche Aggression produktiv ein, spielt den dämonischen Teil seiner
Seele mit Witz und Ironie aus, draußen, in der wüsten Welt des
Geschäftslebens. Die, die sich den Weg weisen lassen wollen, aus
den Kochtöpfen in Teufels Küche zu naschen, sind Mitarbeiter mittelständischer
Unternehmen, junge Consultants, ein gestandener Handwerker
ist auch dabei. Man trägt alles, vom Polohemd bis zur Businessuniform.
Manches Lachen wirkt peinlich berührt, ironieresistente
Zuhörer maulen, doch der Saal kocht. Wie bei einer Zeltmission.
Weidner
spielt den Mephisto perfekt, jenen ironisch-intellektuellen Teufel
aus Goethes „Faust“: Wie bootet
man(n) die jüngere, gleich oder besser
qualifizierte Kollegin aus, die im Frauen fördernden öffentlichen
Dienst gute Chancen hat, jene Aufstiegsstelle zu bekommen, in die
man selbst befördert werden möchte? Man gibt ihr einen unmöglich
zu lösenden Forschungsauftrag und fragt in den wöchentlichen Institutskonferenzen immer wieder halblaut, wie weit sie sei. Bis es an
ihrem Ruf kratzt. Wie wird der qualifizierte, aber schüchterne Kollege
bestens instrumentalisiert? „Mephisto“ bittet ihn, ihm Arbeit abzunehmen,
lobt ihn, er sei der Einzige, der dafür sorgen könne, dass ihm
die Arbeit nicht über den Kopf wächst. Natürlich fragt er am frühen
Freitagnachmittag, auf dem Weg zum Golfplatz – mit der kleinen Lüge,
er sei zu einem auswärtigen Geschäftstermin unterwegs. Derart dunklen
Witz gibt Weidner seiner Gemeinde überreich auf den Weg, bis er
sie ins Fegefeuer geschäftlicher Gemeinheiten entlässt.
Martin Rath nutzte die Gelegenheit zum Interview.
Herr Weidner, wie sind Sie dazu gekommen, Manager dazu zu trainieren,
ihre Aggressionen sinnvoll einzusetzen?
Wie die Jungfrau zum
Kinde. Mitte der 1980er-Jahre hatte ich die Möglichkeit, in den USA
sehr erfolgreiche Methoden kennen zu lernen, mit denen jugendliche
Straftäter, so genannte Gangschläger, trainiert werden, ihre Aggressionen
abzubauen. 1993 meldete sich dann bei mir der Direktor eines
angesehenen Schweizer Managementinstituts und fragte mich, ob ich
nicht Seminare zum Aggressionsaufbau einrichten könnte. Ich dachte
mir damals, der ist ja nicht ganz seriös.
Warum haben Sie dann trotzdem „angebissen“?
Weil es ihn durchaus
gibt: den gemobbten Manager. Es gibt viele hoch qualifizierte, gute
Leute, die sich nicht durchsetzen können, die übervorteilt werden von
Ellenbogenkarrieristen und Blendern, die tolle Präsentationen, aber
keine Qualität haben. Diese Hochqualifizierten sind häufig so mit Inhalten
beschäftigt und vom Qualitätsgedanken geprägt, dass sie die ganzen
üblichen Machtspielchen für überflüssigen Nonsens halten, deshalb
nicht mitmachen und darum überrollt werden. Ich habe schon viele –
aus meiner subjektiven Sicht – gute Leute gesehen, die es einfach zu nichts gebracht haben, weil sie zu nett waren für diese Welt. Ich kann
es zwar gut verstehen, wenn man Machtspiele als unter seinem Niveau
ansieht, aber dann überlässt man die Welt den Vampiren.
Welche Folgen kann es haben, wenn man nicht mit genügend „Pfeffer“
auftritt?
Inzwischen, und das empfinde ich als Höchststrafe, wird Bewerbern
während oder nach einem Assessment Center zur Besetzung einer
spannenden Stelle mitgeteilt: „Eigentlich möchten wir Sie – fachlich –
haben, aber wir glauben nicht, dass Sie für das Unternehmen auch die
hässlichen Entscheidungen treffen können.“
Wie darf man sich ein Training von Managern vorstellen, das sie zum
Einsatz ihrer Aggression führen soll? Ich muss gestehen, meine erste
Assoziation ging in Richtung „Boot Camp“.
(Lacht.) Sie meinen diese
militärischen Trainingslager, in denen einem das Resthirn ausgepresst
wird, indem man Steine von rechts nach links schaufelt und wieder
zurück? Nein, in den Managertrainings werden in kleinen Gruppen persönliche
Stärken und Schwächen analysiert, man diskutiert bissige
Taten, die man schon einmal begangen hat – und die möglicherweise
einen Anknüpfungspunkt bilden können für Mut in künftigen Kampfsituationen.
Wenn ein netter Zeitgenosse mit einem Karrieristen in Konkurrenz
gerät – und das zunächst in der Regel noch nicht einmal bemerkt – hat er das Nachsehen, weil der andere die Fäden besser spinnt, Netzwerke
aktiviert und vielleicht auch noch böse Gerüchte streut. Mir geht es
nicht darum, den „netten Zeitgenossen“ dazu zu animieren, Machtgeilheit
auszuleben, sondern ihn zu sensibilisieren: Wann führen zum Beispiel
nette Teamgespräche nicht mehr weiter, um gute Ideen durchzusetzen,
wann muss man dem Konkurrenten signalisieren: „Du kannst
mit mir kämpfen, aber du zahlst deinen Preis dafür – und zwar nicht auf
Discount-, sondern auf Boutiquen-Niveau.
Welche Menschen finden den Weg in Ihre Seminare zur Stärkung der
Durchsetzungsfähigkeit?
Es sind Manager, die auf dem Weg nach
oben sind, die von einem hohen Niveau aus noch weiter aufsteigen
möchten oder sich auf ihrer Position halten wollen. Sie haben Interesse
gewonnen, an den Machtspielen, die dabei nicht zu vermeiden
sind. Mich irritieren immer wieder Teilnehmer, die bereits sehr erfolgreich
sind. Das sind dann häufig Führungskräfte, die mitunter feststellen,
dass sie aus ihrer Umgebung kein ungefiltertes Feedback mehr
bekommen, sondern fast ausschließlich unter machtstrategischen
Gesichtspunkten sortierte Informationen.
Von welchen Erfolgsgeschichten erfahren Sie?
Zum Beispiel von dieser:
Bei einem großen deutschen Unternehmen sitzt eine Dame, die
eine Gehaltserhöhung erwartet, die eigentlich völlig überfällig ist. Dann
kommen, kurze Zeit nachdem sie in meinem Seminar war, ihre beiden
Chefs in ihr Büro, bleiben vor ihrem Schreibtisch stehen. Sie sitzt, was
immer schon ein wenig ungünstig ist. Die Herren teilen ihr ihre Gehaltserhöhung
mit, aber auf einem lächerlich niedrigen Niveau. Normalerweise
wäre sie über diesen Überraschungscoup der beiden schon so
verschreckt gewesen, dass sie zugestimmt hätte. Es gibt in vielen
Teams Menschen, die sind vom „Stamme Nimm“.
Was stellt man mit solchen Menschen an, die nichts geben, sondern
immer nur nehmen?
Wenn solche Menschen den Raum betreten, gucken Sie sie nicht an, blättern Sie in ihren Akten – und egal, was man
Sie fragt, sagen Sie „Nein“. Auch wenn es sich nur um eine Kleinigkeit
handelt: „Nein“. Und wenn der andere auf seiner Bitte besteht, schauen
Sie ihn nur kurz an und sagen: „Nein. Und überlegen Sie doch einmal
ganz genau, warum ich ‚Nein’ sage.“ Und dann blättern Sie weiter in
Ihren Unterlagen. Genau dieses Spiel trieb diese Dame mit ihren Vorgesetzten,
die von der Situation so perplex waren, dass sie den Raum verließen
und nach einer halben Stunde mit einem akzeptablen Angebot
wiederkamen, das sie dann auch annahm. (Lacht.) Als ich ihr dann zum
Scherz eine E-Mail schrieb, von Rechts wegen müsse sie mir zehn Prozent
der Gehaltserhöhung überweisen, weil ich doch an ihrem Erfolg
beteiligt gewesen sei, kam prompt eine E-Mail zurück: „Nein.“
Wie viel Schärfe setzen Sie eigentlich selbst ein?
Ich bin jetzt 47 Jahre
alt und habe mich bisher, wenn es hochkommt, vielleicht 15-mal bissig
durchgesetzt, punktgenau denke ich, was dann zum Beispiel zu meiner
Professur geführt hat. Gemessen an einem 47-jährigen Leben ist das
wenig, nicht wahr?
Gibt es Bereiche der Wirtschaft, in der es besonders viel Beratungsbedarf
gibt, um sinnvoll mit Aggressionen umzugehen?
Es gibt sicher
harte Branchen der privaten Wirtschaft, von denen es oft heißt, dass
sie sich nah an der Grenze zur Kriminalität bewegen. Entsprechend hart
sind die Umgangsformen. Dagegen laufen Machtspiele in hierarchischen
Bereichen – Bundeswehr, Justiz, Polizei, Krankenhäuser – auf eine
eigentlich sympathische Art ab. Denn sie sind leicht zu durchschauen.
Aber auch im sozialen Bereich gibt es Machtspiele, die Manager dort
sind zwar nicht so gekleidet wie Josef Ackermann, man ist höflich, aber
nicht weniger bestimmt in dem Streben, Einfluss zu nehmen.
Wie scharf sind Sie?
Jens Weidner bietet in seinem Buch „Die Pepperoni-
Strategie“ einen Persönlichkeitstest auf Pfefferbasis. Anhand von 50 Fragen
kann man eine Selbsteinschätzung, was die eigene Durchsetzungsstärke angeht,
absolvieren. Die Punktzahl verrät, für welche Schärfe man gewachsen ist: von
Paprika-Edelsüß („Sie sind zu gut fürs Leben!“) bis zur teuflischsten Chilischote
(„Sie kommen vielleicht nicht in den Himmel, aber in jede Spitzenposition.“).
Acht Punkte für die Peperoni-Strategie:
- 1. Sich mit Power durchsetzen, um Gutes zu tun. Überlegen Sie sich eine Leitidee, für
die es sich lohnt, hart zu arbeiten.
- 2. Unterlassen Sie chancenlose Kraftproben! Prüfen
Sie Ihre Erfolgsaussichten, ab 70 Prozent lohnt es sich richtig. Gegner, die Sie nicht besiegen
können, machen Sie sich zu Freunden.
- 3. Positionieren Sie sich. Warten Sie nicht,
bis Sie gefragt werden, sondern verschaffen Sie sich unaufgefordert, aber eindringlich
Gehör.
- 4. Meiden Sie Nörgler, Loser und Bedenkenträger! Halten Sie sich von nörgelnden
Zeitgenossen fern, sonst werden Sie mit deren negativen Eigenschaften in
Zusammenhang gebracht.
- 5. Pflegen Sie Ihre Einsteckerqualitäten! Widerstand gehört
zum Machtspiel. Stellen Sie sich darauf ein und lächeln Sie Ihre Gegner an.
- 6. Pflegen
Sie Ihre Abwehrrhetorik! Legen Sie sich für verbale Angriffe ein paar rhetorische Spitzfindigkeiten
zurecht, mit denen Sie sich Luft und Zeit verschaffen.
- 7. Reagieren Sie auf
negative Gerüchte, die über Sie kursieren. …und zwar sofort und konsequent. Geben Sie
Anspielungen und Verleumdungen keine Chance.
- 8. Führen Sie regelmäßig eine Gegenspieleranalyse
durch! Menschen, die immer ihre Arbeit kritisieren oder in Frage stellen,
sollten Sie auf Distanz halten.
Aus: Jens Weidner, Die Peperoni-Strategie, Campus Verlag, Frankfurt/Main 2005.
Circenstrategien
Peperonischarf oder zuckersüß? Das richtige Maß an Aggression im passenden Moment
einzusetzen, ist die eine Möglichkeit. Wenn Sie sich dezenter durchbeißen müssen, eignet
sich die Circenstrategie. Auf den ersten Blick perfekt für raffinierte Führungsfrauen. Auf den
zweiten ebenso nützlich für „männliche Circen“. Susanne Westphal, Gründerin und für sieben
Jahre Chefin der Preisagentur „Preiswärter“, heute PR-Beraterin, erklärt, warum.
Circe (oder Kirke) Name einer Zauberin in Homers „Odyssee“. Sie verwandelte
die Schiffscrew des Odysseus in Schweine und verführte den antiken
Helden mit lang anhaltendem Erfolg.
Aus dem Projekt, in das Sie so viel Arbeit gesteckt haben, wird erst einmal
nichts. Keine Ihrer Zahlen kann Ihren Chef überzeugen, keines Ihrer
Argumente zieht. Vielleicht haben Sie es ja mit einem Supermacho zu
tun oder einem Unterhalter, die mehr brauchen als das reine Zahlenmaterial.
Die wollen anders überzeugt oder besser „becirct“ werden.
Im Job geht es eben oft nicht allein um die besseren Argumente, sondern
darum, das Gegenüber im besten, im eigenen Sinne zu (ver-)führen.
Moderne Circen, Nachfahrinnen der Tochter des griechischen Sonnengottes
Helios, verstehen es, sich in andere hineinzuversetzen. Ihr
Erfolgsgeheimnis heißt Stimmungsmanagement. Mit welchen vier Circen-
Typen (und ihren männlichen Pendants) Sie es im Berufsleben zu tun
bekommen können, beschreibt Susanne Westphal in ihrem Buch „Einfach
becircend – die Typologie des weiblichen Erfolgs“.
Wie aufstrebende Business-Frauen (und Männer) ihre richtige Strategie
aufbauen, erzählt Susanne Westphal im Gespräch
mit Martin Rath.
Geschönte Zahlen?
Nach Angaben des Statistischen
Bundesamtes, die im Frühjahr 2005 veröffentlicht wurden, machen
sich Frauenköpfe in Führungspositionen rar. Beim Mikrozensus im
März 2004 wurde unter den abhängig Beschäftigten ein Frauenanteil
von 47 Prozent ermittelt, unter den Führungskräften waren Frauen
aber nur mit 33 Prozent präsent. Unter den von den Statistikern als
„Top-Führungskräfte“ bezeichneten Erwerbstätigen – deutschlandweit
819 000 Personen in leitenden Funktionen – fanden sich 21 Prozent
Frauen. – Fraglich ist jedoch, ob mit der Zahl „819 000“ nicht allzu
viele Menschen als „Top-Führungskraft“ in der Statistik auftauchen.
Die Circen Typen:...
und ihre männlichen Pendants dazu:
Jodie ähnelt Frauen wie Jodie Foster oder Madame Curie.
Jodie Pendant: Der Strategen-Odysseus.
Madonna trägt Züge des Popstars.
Madonna Pendant: Der Supermacho.
Anke teilt Eigenschaften der Comedian Anke Engelke.
Anke Pendant: Der Unterhalter.
Ähnlichkeiten mit Elke Heidenreich finden sich beim Typ
Elke.
Elke Pendant: Der Unterstützer.
Sie unterscheiden vier Frauentypen, welcher macht am ehesten
Karriere?
Natürlich der Madonna-Typ: Frauen, die einen Machtanspruch
haben. Zielstrebigkeit ist ihr großes Geheimnis, und das ist die Komponente,
die vielen Frauen am meisten fehlt. Das liegt daran, dass selbst
jungen Frauen als Kindern beigebracht wurde, sich nicht aufzudrängen:
Sei bescheiden, sei lieb, sei nett! Das ist wenig hilfreich, wenn es für
eine erfolgreiche Karriere heißt, sich Ziele zu setzen – und man die Mittel
einschätzen können muss, diese zu erreichen.
Könnten Sie für jeden Frauentyp die wichtigste Karrierestrategie nennen?
Einer Frau vom Typ Madonna würde ich gratulieren, weil ich davon
ausgehe, dass sie schon Karriere macht. Ihr würde ich den Tipp geben,
öfter zuzuhören, sich in andere hineinzuversetzen, weil dieser Typ dazu
neigt, andere auch einmal zu überwältigen. Der Typ Anke beschreibt
sehr vielseitige, lustige, kontaktstarke Frauen. Ihnen würde ich empfehlen,
sich auf eine Kernkompetenz oder ein Thema zu konzentrieren.
Anke kann zwar sehr gut 15 Dinge gleichzeitig bearbeiten und profitiert
von dieser Fähigkeit, irritiert damit aber andere, die sich nicht vorstellen
können, dass sie dies auch noch gut macht. Sie wirkt glaubwürdiger,
wenn sie sich konzentriert. Elke gehört zu einem sehr einfühlsamen, harmoniebedürftigen Typ, der sehr gut moderieren kann. Sie ist Herz
und Seele eines Unternehmens. Ihr würde ich sagen: „Du musst auch
einmal ,Nein‘ sagen und an dich denken.“ Der perfektionistische Typ
Jodie ist wahrscheinlich perfekt im Qualitätsmanagement und sollte für
den beruflichen Erfolg lernen, auch einmal fünf gerade sein zu lassen
und nicht zu humorlos oder gar pessimistisch zu wirken.
In Ihrem letzten Buch geben Sie eine Reihe recht lebenspraktischer
Tipps, zum Beispiel zu Kleidung, Parfums, den Austausch von Visitenkarten.
Gibt es hier unter Karrieremenschen Nachholbedarf?
Ich bin
überzeugt, dass über solche Themen zu wenig nachgedacht wird. Man
sollte sich im Geschäftsleben viel öfter fragen: Wer ist mein Gegen–
über? Wo kommt er her? Was geht in seinem Kopf möglicherweise
vor? Dann erschließt sich von selbst, dass manche Kleidung einen
Kulturschock hervorrufen könnte oder unser Ton zu locker oder zu
förmlich angeschlagen wurde. Kulturelle Unterschiede haben wir nicht
nur in verschiedenen Ländern, sondern auch in unterschiedlichen Bundesländern,
Branchen oder Altersschichten. Konkret sollte ich mir
Gedanken darüber machen, welcher Typ mein Gegenüber ist: Ist mein
Gegenüber eher eine Madonna, ein Supermacho, eine Jodie oder ein Strategen-
Odysseus? Jedes Mal werde ich mich anders verhalten müssen, um
zum Ziel zu kommen. Das hat übrigens nichts damit zu tun, was für ein Typ
ich selbst bin. Auch eine Madonna sollte sich einem Verkehrspolizisten
gegenüber nicht wie eine verhalten. Es würde ihr nichts bringen, sondern
nur die staatliche Autorität gegen sich aufbringen. Wenn es um mehr geht,
etwa weil Sie einen wichtigen Kunden gewinnen wollen, müssen Sie sich
natürlich eine richtige Strategie überlegen.
Wie könnte denn eine Circenstrategie aussehen?
Ich gebe Ihnen ein
Beispiel aus meiner Praxis: Es ging einmal darum, den Auftrag eines
großen Firmenkunden aus Hamburg zu gewinnen. Die Verhandlungen
waren schon recht weit gediehen, und es ging um die endgültige Entscheidung.
Also stand ein Besuch der Herren aus Hamburg an. Ich
habe den Termin mit Ihnen extra so verhandelt, dass er in die „Wies’n“-
Zeit fiel. Am Abend vor dem großen Termin gingen wir also auf das Oktoberfest,
und von meinen Gesprächspartnern kam der Vorschlag, dort
nicht über das Geschäftliche zu sprechen. Ich habe mich ins Dirndl
geworfen, wir machten einen schönen Rundgang über die Festwiese.
Das Bier, die Brathendl, die Riesenbrezen, die lockere Atmosphäre und
das Nebeneinandersitzen schweißten uns zusammen. Am nächsten Tag
haben wir dann miteinander verhandelt. Offensichtlich vertrugen die
Jungs kein Bier in rauen Mengen – denn sie waren völlig fertig. Ich habe
kein Wort über den Vorabend verloren, sondern Ihnen ganz dezent Aspirin
zugeschoben, Ihnen ein klassisches Katerfrühstück angeboten. Den
Auftrag habe ich gewonnen.
Ein Dirndl steht Männern ja nicht zur Verfügung. Was können sie denn
unternehmen, um eine männliche Circe zu werden?
Ganz viel. Alex,
einer meiner Freunde, der unter anderem Imagefilme für Firmen produziert,
lud das Team eines seiner Lieblingskunden zu einer Schokoladenprobe
ein. Die Gruppe, die größtenteils aus weiblichen Naschkatzen
bestand, war begeistert und biss auch anschließend an, als es um die
Vergabe neuer Projekte ging. Und einen anderen Kunden machte er zum
treuen Fan, als er für ihn und seinen Sohn noch Karten für ein ausverkauftes
Champions-League-Spiel herbeizauberte.
Und was raten Sie Young Professionals, wie sie ihre Kunden becircen
können?
Versuchen Sie einfach, sich in die Haut Ihres Gegenübers hinein
zu versetzen! Widmen Sie Ihrem Gegenüber Aufmerksamkeit,
schaffen Sie nur für ihn eine besondere Atmosphäre, sodass er sich
wahrgenommen und wertgeschätzt fühlt. Wenn Sie einen Kunden mit
dessen Lieblingsspeise, Lieblingszigarre oder einer lokalen Besonderheit
überraschen können, wird er sich vermutlich geschmeichelt und
besonders herzlich willkommen fühlen. Ein idealer Nährboden für fruchtbare
Verhandlungen!
Der Fragebogen im Internet:
www.becircend.de
Peperoni-Rezept zum Becircen
100 g Radieschen waschen, putzen, in feine Stifte hobeln, mit 200 g Joghurt verrühren. Mit
Salz, Pfeffer, Paprika, Zucker, etwas Limettensaft und Limettenschale abschmecken. Zugedeckt
beiseite stellen. Zwölf große grüne milde Peperoni putzen, einmal quer halbieren, entkernen,
abbrausen und trocken tupfen. 100 g Bärlauch abbrausen, trocken schütteln und fein
hacken, mit 250 g mildem Schafskäse und 50 ml Milch verrühren und mit Salz, Pfeffer, übrigem
Limettensaft und restlicher Limettenschale würzen. Die Käse-Masse in einen Spritzbeutel
mit großer Lochtülle füllen und in die Peperonihälften spritzen. Ein Ei in einem tiefen Teller
verquirlen. Peperoni erst in Mehl, dann in Ei, zuletzt im Paniermehl wenden, das Ganze
wiederholen. Peperoni in reichlich heißem Öl 5 Minuten rundherum braten. Auf Küchenpapier
abtropfen lassen und mit der Joghurt-Sauce servieren, dazu Fladenbrot reichen.
Viel Erfolg!
Genuss Macht Spiele
Jens Weidner:
„Die Peperoni-Strategie. So setzen Sie Ihre natürliche
Aggression konstruktiv ein“, Campus Verlag 2005, ISBN 3-593-37788-8,
€ 19,90.
Susanne Westphal:
„Einfach becircend. Die Typologie weiblichen
Erfolgs“, Kabel by Piper 2004, ISBN 3-822-50647-8, € 18,90.
Wolfgang Schivelbusch:
„Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft“,
Fischer Taschenbuch Verlag 1992, ISBN 3-596-24413-7, € 11,90.
– Politik und Wirtschaft jeder Epoche spiegeln sich auf oft erstaunliche
Weise in den Geschmäckern und Genüssen wider. Nicht nur die Liebe
geht durch den Magen. Wünschen Sie eine Tasse Kaffee oder heiße
Schokolade? Kaffee weckt den Geist und wurde damit zum Genussmittel
des aufstrebenden Bürgertums, der (Ur-)Großväter des heutigen Managements.
Die heiße Schokolade war das Getränk des müßig- und untergehenden
Adels. Kulturgeschichten aus der Werkstatt von Wolfgang Schivelbusch
versprechen immer Genuss.
Michael Dobbs:
„House of Cards“, Harper Collins 1998, ISBN 0-006-
17690-9, € 5,99. – Der britische Premierminister tauscht das Kokain in
der Schnupfdose eines ihm gefährlich gewordenen PR-Mitarbeiters aus
gegen das Rattengift aus dem Gartenschuppen seines Landsitzes. Und er
schreckt auch sonst vor nichts zurück. Natürlich nur in der Fiktion des
ehemaligen Politikberaters Michael Dobbs. Eine böse, schwarzhumorige
Geschichte vom Aufstieg des „Chief Whip“ Francis Urquhart zum Premierminister.
Nicht zur Karriereplanung empfohlen.
Sun Tsu:
„Die Kunst des Krieges“, Droemer Knaur 2001, ISBN 3-426-
66645-6, € 9,90. – Regeln dazu, wie man (militärische) Macht gewinnt
beziehungsweise sie behält. Verfasst von einem chinesischen General in
vorchristlicher Zeit, bildet es noch heute die Grundlage allzu vieler Strategiebücher
für das Management. Immerhin: Ein Fingerzeig auf die Zeitlosigkeit
strategischen Verhaltens.
Jeffrey Steingarten:
„Der Mann, der alles isst. Aufzeichnungen eines
Gourmets“, Roger & Bernhard (nur) bei Zweitausendeins, ISBN 3-807-
70089-7, € 17,90. – Eine Weltreise durch die ganz große Küche vieler
Länder. Wer sich an Steingartens kulinarischen Erzählungen
orientiert, läuft nicht Gefahr, als Sklave konventioneller
Catering-Kochkunst zu enden.
Coachingzone
Strategisch vorgehen im Job
Uneingeschränkt ja! Manchmal tricksen?
Ja, warum nicht. Wissen, wie Menschen ticken und es nutzen? Unbedingt! Die Spielregeln im Business kennen? Ja, hoffentlich. Klug in
der Business-Küche mitkochen? Aber sicher doch. Doch jetzt kommt meine persönliche Einschränkung: Dies alles so weit, wie ich mir
selbst morgens noch in die Augen schauen kann. Karriere ohne Werte halte ich für (lebens-)gefährlich. Wirklich erfolgreich,
so meine eigene Erfahrung und meine Beobachtung, werde ich, wenn ich das rechte Maß beherrsche.
„Muss ich mich wirklich verbiegen, um Karriere zu machen?“, werde ich oft von Nachwuchs-Manager/innen gefragt. Nein,
verbiegen halte ich nicht für ein erstrebenswertes Ziel. Klug sein, durchaus. Um es auf einen konkreten Punkt zu bringen:
Es geht um die richtige Balance zwischen Authentizität und Professionalität. Lassen Sie mich das erläutern: Was
macht die Authentizität, das „Ich“ aus? Mein Charakter natürlich, meine Anlagen, meine Fähigkeiten, meine Muster, meine Erfahrungen, meine Gefühle, meine Überzeugung und meine Werte. Und Professionalität? Sie speist
sich aus Wissen, Können, Klugheit, Strategien, Techniken, Methoden, Erfahrungen, Psychologie, Pädagogik,
Abgrenzung und Gelassenheit. Authentizität allein ist gefährlich im Job. Stellen Sie sich vor, Sie „mögen“
einen Kunden oder einen Vorgesetzten nicht. Wenn Sie nur authentisch vorgehen, werden Sie ihn dementsprechend
behandeln. Und wahrscheinlich eine Menge Ärger in Ihrer Firma bekommen.
Im Job geht es nicht darum, ob ich jemanden mag oder nicht (vor allem wenn ich angestellt bin). Es geht ums Geschäft. Jeder
Kunde erwartet grundsätzlich einmal, mit der gleichen Freundlichkeit und Zuwendung behandelt zu werden
wie alle anderen. Wir als Kunden schließlich auch. Authentizität allein ist also keine Geschäftsgrundlage.
Aber in Verbindung mit Professionalität sorgt sie für eine überzeugende Ausstrahlung. Menschen wollen Zuwendung, Freundlichkeit, Interesse, Verlässlichkeit... Und zwar alle, egal ob
Kunden, Vorgesetzte, Lieferanten oder Kollegen. Professionelles Verhalten hilft, diese Erwartungen zu erfüllen – völlig unabhängig
davon, ob ich diese Menschen auch zu meiner privaten Grillfeier einladen würde. Darum geht es im Job nicht.
Ähnliches gilt für meine Laune. Die Menschen im Business interessiert es nicht, ob ich gut gelaunt bin oder nicht. Denn
meistens hat es nichts mit ihnen zu tun. Professionalität hilft, im Business souverän aufzutreten,
auch wenn ich mich am Vorabend mit meinem Partner gezankt habe. Im Gegenteil: Professionalität
hilft mir, auch in schwierigen Situationen überzeugend zu sein. Niemand von uns ist
jeden Tag gleich gut drauf. Aber mit der Erfahrung und der Gelassenheit, die ich mir aneignen
kann, tritt die „Befindlichkeit“ für die Dauer der Arbeit zurück. Wer Kommunikationstechniken beherrscht, kann mit jedem Menschen reden, egal wie sympathisch er ihn findet. Wer Strategien
beherrscht, wird sein Ziel auch erreichen, wenn privat Gewitterwolken ziehen. Wer Wertschätzung in jeder Situation aufbringen kann,
hat es leichter im Leben, ohne Frage. So – und damit kommen wir zur Grenze: Professionalität ohne Authentizität
ist gefährlich. Das „Ich“, meine Werte, meine Überzeugung stecken die Grenzen des strategischen Vorgehens
fest. Manches mag geschickt sein, aber wenn Ihre innere Stimme sich dagegen sträubt, dann hören Sie
darauf! Verbiegen hieße, gegen meine Werte zu handeln. Das tut weh. Verbiegen hieße, die Breite meiner
Schleimspur so auszudehnen, dass es mich schaudert. Das ist ekelhaft. Verbiegen hieße, mich selbst zu verachten.
Das darf nicht sein. Sicher hat jeder von uns schon einmal etwas tun müssen, was er nicht so toll
fand. Aber es kommt auf die Tendenz an.
„Verliere“ ich mich auf diesem Weg? Auf Dauer können wir nur „bei uns“ sein, wenn wir sehr genau auf unsere innere Stimme hören. Wenn wir den Kontakt
zu unserem „Ich“ verlieren, dann besteht die Gefahr zynisch zu werden, oder „abgefuckt“, wie meine Kinder sagen würden. Wer
fürs Business „über Leichen“ geht, killt die eigene Seele gleich mit. Was dagegen schützt: Bei Entscheidungen,
in Gesprächen, bei Projekten die eigenen Werte dagegensetzen. Bin ich das, halte ich das aus,
halte ich das für richtig? Ich finde, auch im harten Business geht es darum, mich nicht zu verlieren. Bei
aller Professionalität. Übrigens: Wenn ich mein Handy anschalte, blinkt mir diese Begrüßung entgegen:
„Be you!“ Es erinnert mich daran, meine Werte nicht zu vernachlässigen. Zur Nachahmung empfohlen:
Be you, too. Viel Erfolg!
Sabine Asgodom, Management-Trainerin und Coach, Asgodom live, München.
www.asgodom.de
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