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Im Leib der Haifischmutter

Chris Harding/Stock4B: Haifisch Einige Haifische gebären lebend. Wenn es so weit kommt: Denn der Nachwuchs findet sich vor der Geburt zum Anknabbern. Entsprechend klein ist seine Zahl. Weil: Hai-Kinder fressen sich einander im Mutterleib auf. Womöglich ist dieser Kannibalismus die höchste Form von Rivalität.
Von Martin Rath

Der Mann beantwortet Fragen gern mit einer Gegenfrage: „Rivalität? Man hat zwar damit zu tun, aber man übt sie nicht aus!“ Auf die Frage, wie er zu dieser denkwürdigen Position komme, sagt er: „Wie das kommt? Ich habe eben einen Traumjob. Unkündbar, kaum Nachwuchs, alle wirklich höheren Positionen in meiner ‚Firma‘ sind ohnehin besetzt und eigentlich auch gar nicht besonders erstrebenswert.“ Denn in seinem Job, so mein „rivalitätsfreier“ Gesprächspartner, verdiene er so viel wie ein deutscher Oberstudienrat, was hinreichend auskömmlich sei – und beim Karrieresprung in eine dann nicht mehr sonderlich „rivalitätsfreie“ Aufstiegsposition in seiner „Firma“ verliere er unangenehmerweise etwa die Gelegenheit, „wirklich ungestört am Roten Meer Tauchurlaub zu machen. Mit allen Möglichkeiten.“ Der Mann hat es gut. Scheinbar: Er hat wenig mit Rivalität zu tun. Gottlieb Hippel* ist Priester und zuständig für drei katholische Pfarrgemeinden. „Mit Rivalität habe ich nur mein Leid, wenn ich vergesse, dass immer alle Damen den besten Kuchen fürs Pfarrfest gebacken haben. Dann kommen Aggressionen auf, die man nie bei liebenswürdigen, karitativ engagierten Damen vermuten würde.

Wohl gesättigt und, dem äußeren Anschein nach, auch wohlgesättigt, macht Hippel bei unserem Gespräch den Eindruck, dass ein Leben, frei von Rivalität, nicht unzufrieden macht. Doch auf die entsprechende Frage erwidert er: „Frei von Rivalität? Sie vergessen, ich arbeite bei der ältesten Firma der Welt.“ Ohne Rivalitäten ginge es – „trotz Zölibats und so weiter“ – da niemals wirklich her. Wie man in der „ältesten Firma der Welt“ mit Rivalitäten umgehe, dazu äußert sich Hippel ausweichend:

„Es gab vor fast 500 Jahren einen äußerst erfolgreichen Unternehmensgründer. Den heiligen Ignazius von Loyola. Sein ‚Startup‘ war der Jesuitenorden. Der war streng. Wie sein Gründer. Soldatisch streng, spanisch und ein wenig finster. Nicht immer nett. – Dem gegenüber wurde in Rom ein anderer Orden gegründet. Vom heiligen Philippo Neri. Der wird als etwas netter beschrieben.“ Daraufhin folgt, wie gewohnt, eine Gegenfrage: „Wie Neri mit der erfolgreichen Konkurrenz Loyolas umging? Er sagte immer: ‚Im Zweifel frage ich mich: Was würde der heilige Ignazius von Loyola jetzt tun? Und dann tue ich das Gegenteil.“

„Massive Rivalitäten halte ich – jedenfalls in größeren Unternehmen für eher unwahrscheinlich“, sagt Claus Raczinsky*, der in einem mittelständischen Unternehmen der chemischen Industrie Verantwortung für Personalangelegenheiten trägt. Er ist sichtlich bemüht um eine seiner Ansicht nach notwendige Differenzierung: „Konkurrenz tut in jedem Unternehmen nicht nur Not. Sie tut auch gut. Der Bewerber, der im ‚AC‘ nicht subtil die Krallen zeigt, hat bei uns wenig Chancen. Dazu ist der Ausbildungsüberhang für Chemiker an den Universitäten doch immer noch zu groß. Können ja nicht alle Pharmavertreter werden. Wer aber den ganzen Tag die Krallen zeigt – und da scheidet sich ‚Konkurrenz‘ von ‚Rivalität‘ –, dem Menschen möchte man ja nicht so gerne mittags in der Kantine gegenübersitzen.“ Das manchmal doch ein bisschen mehr als subtile Krallenzeigen sei aber bei allen Entscheidungsprozessen, mit denen Führungskräfte betraut sind, unabdingbar: „Wenn ein Geschäftsführer der Gesellschaft der Ansicht ist, eine ganze Abteilung sei ‚outzusourcen‘, obwohl ein Blinder sieht, dass die Kosten letztlich dadurch steigen“, dann ginge es manchem mittelständischen Unternehmen gut oder wesentlich besser, würde ein Co-Geschäftsführer ohne Rücksicht auf die berufliche Zukunft seines Führungskollegen eingreifen. – „Aber das scheint in Deutschland unüblich zu sein.“ „Am Anfang war ich optimistisch“, sagt Katrin Kant*. „Das Bewerbungsverfahren hatte ich erfolgreich durchlaufen, die Kollegen schienen nett, endlich gab es Probleme zu lösen, für die ich mir im Studium die nötige Kompetenz erworben hatte.“ Kant bewarb sich nach ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre, das sie auch ein Jahr in die USA führte, um eine Tätigkeit in der Kreditabteilung einer größeren Bank. Mit erstem Erfolg. Dann folgten Unannehmlichkeiten: „Es war immer wieder im Gespräch, dass unser Institut von einem anderen übernommen werden könnte. Aber die ‚Chefs‘ brachten das Thema, das immer wieder aufkam, so an den Mann: ,Nichts Genaues weiß man nicht. – Und ihr schon gar nicht‘.“ Danach sei das Klima in ihrer Abteilung, so Kant, „richtiggehend abgestürzt“. – Ob eine „Corporate Identity“ oder „Unternehmensphilosophie“ genützt hätte? – „Ich glaube nicht. Solche Dinge stehen in schönen CI-Handbüchern, die jeder eigentlich lesen muss.“ Mit großem Aufwand, erzählt Kant, seien CI-Handbücher, wobei „CI“ für „Corporate Identity“ steht, in ihrer Bank immer wieder auf den neuesten Stand gebracht worden, „gern angereichert mit dem Statement: ‚unser Unternehmen ist mehr als die Summe seiner Teile, der Mitarbeiter‘. Doch vor Mobbing schützt das ja nicht.“ Dann erzählt Frau Kant von den unannehmlichen Vorgängen.

Und man weiß nicht immer, wo „Mobbing“ vorliegt, wo „normale“ Konflikte um Angelegenheiten des täglichen Arbeitslebens. Sind wichtige Akten tatsächlich im innerbetrieblichen Postverkehr „untergegangen“? Hatte die „früher beförderte“ Kollegin tatsächlich ein Verhältnis mit dem Juniorchef eines wichtigen Kreditkunden? Und warum ruinierte all das die Position von Frau Kant in ihrer Abteilung? – Das weiß man nicht. Nach einigen Jahren im Unternehmen sei ihr mehrmals befristeter Vertrag nicht verlängert worden. Das habe sie einer „,Rivalin‘, wenn Sie sie so nennen möchten“, zu verdanken. Wie sich Frau Kant über diese „Rivalin“ im Übrigen äußerte, das sollte verschwiegen werden. Ihr Fazit: „Eigentlich hatte ich mir das Bewerbungsverfahren als Hölle vorgestellt, mit allen Schikanen, aber was aufgrund fehlender Informationen über wichtige Entscheidungen im Unternehmen später zwischen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern los war, das erst war richtig höllisch.“

Peter Holke* ist anderer Ansicht: „Es gibt eine Neigung, ‚Konkurrenz‘ oder ‚Rivalität’ – wie auch immer Sie das nennen möchten – in ‚Mobbing‘ umzudefinieren.“ Menschen, die in den USA Arbeitspraxis erworben hätten, sagt Holke, seien an ein Verhältnis untereinander gewöhnt, dass hier zu Lande als „Mobbing“ bezeichnet werde, dort aber „ganz normaler Wettbewerb“ sei. Zur unterschiedlichen Wahrnehmung der täglichen Konkurrenz am Arbeitsplatz trüge bei, „dass in den USA aus allem ein Wettbewerb gemacht wird. – Für jeden noch so unsinnigen Sport gibt es eine ‚Hall of Fame‘.“ Holke, für Personalangelegenheiten auf einer „Regionalebene eines großen deutschen Warenhaus-Konzerns“ verantwortlich, hat ein freundliches Bild vom Wettbewerb unter gleich Qualifizierten: „Wer gewinnt, hat Recht.“ Weniger hart als seine Aussage klingt, ist das, was er meint: An „seinen“ Verkaufsständen „seines“ Warenhauses stünden oftmals „Damen und Herren“ – er meint das Personal –, die gleichermaßen unwillig seien, „die Damen und Herren“ zu bedienen, Auskunft zu geben und sei „es nur über den Weg in eine andere Abteilung des Kaufhauses“. Rivalität unter den Angestellten sei da für ihn nur wünschenswert. Nur sagt Herr Holke nicht, ob jede Rivalität unter Angestellten für ihn erfreulich und begehrenswert sei. Manches bei ihm klingt so: Rivalität ist gut für „meinen“ Betrieb, weil sie dem Kunden zugute kommt. Manches bei ihm klingt anders: Wenn sich die Damen aus einer Abteilung miteinander zanken, dann sei aus „seinem“ Haus kein Staat mehr zu machen.

Die Deutschen hätten neben dem Trieb zur Fortpflanzung zwei Eigenschaften, schrieb Kurt Tucholsky sinngemäß: Viel zu reden – und nicht zuzuhören. Letzteres kam in der Befragung für diesen Bericht eher nicht vor. Großen Drang, über „Rivalität“ im Arbeitsleben zu sprechen, verspürten wenige. Obwohl doch sonst gerne über alles Mögliche geredet wird. Beim Reden über „Rivalität“ herrschte jedenfalls keine Konkurrenz. Man ist geneigt, allen Gesprächspartnern und -partnerinnen zu danken. Denn, es ist offenbar unangenehm, über Rivalität zu sprechen. In einer „Firma“, die den „Job“ eines Papstes oder Bischofs zu vergeben hat, ist das gewiss normal. Für einen Menschen, der sich – zu Recht oder Unrecht – als „gemobbt“ empfindet, ist es leider auch normal – wenn auch für die „Unternehmensphilosophie“ im Zweifel höchst abträglich. Es müsste wohl etwas geändert werden im deutschen Unternehmen: Mobbing tut keinem gut. Was immer man darunter versteht. Rivalität unter ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern würde mancher Firma gut tun. Was immer man unter „Rivalität“ versteht.
* Name von der Redaktion geändert.

Zum Thema:

Ohne Wölfe keine Hirsche?

Olaf Meyer/Ashley Grade School

WolfHans Keilson wurde 1909 in Freienwalde an der Oder geboren. Den Zweiten Weltkrieg überlebte er im niederländischen Exil. Als deutscher Jude war er dort – vornehmlich in Amsterdam – in höchstmöglicher Gefahr. Diese Gefahr – so bitter es klingt (und von der seine Erzählung „Komödie in Moll“ handelt) – gab seinem Roman „Der Tod des Widersachers“ eine tiefgründige Parabel auf Rivalität ein. Einmal war der deutsche Kaiser zu Besuch bei seinem Cousin. Das war der russische Amtsbruder, Zar Nikolaus. So weit lebt Keilsons Erzählung mit Sicherheit von der Realität. Denn vor dem Ersten Weltkrieg waren Europas Staatsoberhäupter gern miteinander verschwägert. Doch der Rest ist historisch nicht belegt: Der deutsche Kaiser besucht den russischen Zaren. Als Gastgeschenk nimmt er eine Gruppe edler Hirsche mit. Deutsche Staatsoberhäupter hatten immer wieder gern Tiere, auf die sie schießen konnten. Weil dem so war, schuf der Kaiser den edlen Hirschen einen herzallerliebsten Lebensraum am Ostseehaff. Alle bösen Wölfe, die sich über die Hirsche hätten hermachen können, wurden präventiv erschossen. Nach und nach starben die edlen Hirsche, aller Hege und Pflege zum Trotz. Nicht etwa wegen des Kaisers Jagdliebe. Selbst Nachwuchs stellte sich nicht mehr ein. Auf die bedauernde Frage des deutschen Kaisers, warum er keine Hirsche zu schießen bekomme – Keilson zu Folge – antwortete ein Wald-und-Wiesen-Experte, offenbar ein kompetenter Förster: Den Hirschen fehlten die Wölfe. Ohne Angst aufgrund von Rivalität – welcher Hirsch dem Wolf schneller davonkomme – mache dem Rotwild das Leben augenscheinlich nicht hinreichend Spaß.

Vor dem Fleischtopf.

Claus Raczinsky* meint: „Kritik und Konkurrenz liebt niemand. Rivalität ist aber mehr. Bei Konkurrenz geht es darum, wer die beste Position vor dem Fleischtopf hat. Bei der Rivalität geht es um die Frage: Liege ich im Fleischtopf oder der Andere?“

Wenn Rivalen über Rivalen – abschreiben.

Es ließe sich ein Fernseh-Beitrag dazu drehen: „Wer hat’s erfunden...?“ Ein gelegentlich bestechlicher französischer Philosoph namens Denis Diderot war es. Was hat er erfunden? Was ein etwas später lebender Konkurrent auf der Philosophen-Bühne gern von ihm gestohlen hat: Die Dialektik von Herr und Knecht. Der Rivale hieß Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Ein Schwabe mit unangenehmer Sehnsucht nach Preußen. Er übernahm eine Idee Diderots: Dass alle gesellschaftlichen Entwicklungen der Menschheit – damals durfte dies noch „Fortschritt“ genannt werden – auf den Neid der Knechte auf ihre Herren zurückzuführen seien. Und ebenso selbstverständlich: Zurückzuführen war Fortschritt auch auf die Furcht der Herren vor den gewaltigen Armmuskeln der Knechte. (Personaler lesen deswegen weder Diderot noch Hegel.) Diese schöne, so genannte Herr-Knecht-Dialektik mutet zwar so an, als sei sie einem Management-Buch für aufstrebende BWL-Studierende entnommen, dient aber nichtsdestoweniger allein dem Beweis, dass selbst die kreativsten Philosophen gern voneinander abschreiben. Wie Rivalen eben so sind.

Coachingzone

Sind Sie Rivale? Oder haben Sie einen Rivalen? „Rivalen“ – der Ausdruck stammt vom lateinischen „Rivus“, was so viel bedeutet wie „Wasserrinne“, „Bach“, und bezeichnet in der Ableitung „den an der Nutzung eines Wasserlaufs Mitberechtigten“. Die Bedeutung des „Nebenbuhlers“, Konkurrenten oder Mitbewerbers erhält das Wort erst im 18./19. Jahrhundert über das Französische. Zwischen Rivalität und Mobbing gibt es grundlegende Unterschiede: Beim Mobbing gibt es auf allen Seiten nur Verlierer. Der Wasserlauf wird vernichtet und alle Seiten sind geschädigt. Rivalität will den Fluss effizienter nutzen, das bessere Konzept soll durchgesetzt werden. Das „Auge um Auge“ oder „Haifischzahn um Haifischzahn“ dient nicht der Vergeltung, sondern vielmehr dem Ausgleich und damit dem Erhalt und Wachstum des Systems – und das gilt nicht nur für das „älteste Unternehmen der Welt“.

Überlegen Sie bitte Folgendes: Inwiefern sind Ihre Rivalitätsgedanken mit einem höheren Wert (zum Beispiel für sich selbst, für mehr Einfluss in Ihrer Organisation, Ihrem Unternehmen) verbunden? An welchem gemeinsamen „Fluss“ sind Sie gerade mit Ihrem Rivalen? Welche Intentionen verfolgen Sie – und welche Ihr Rivale? Erfassen Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Praktisch können Sie dabei so vorgehen: Stellen Sie zwei Stühle in Ihrem Raum auf. Definieren Sie Ihre Position und die Ihres „Rivalen“. Legen Sie in die Mitte ein Papier oder einen Gegenstand, welcher symbolisch den „Fluss“ darstellt, der für das gemeinsame Interesse sorgt. Stellen Sie sich zunächst folgende Fragen: Was tue ich hier gerade und welche Absicht verfolge ich damit? Mal angenommen, ich habe meine Absicht erreicht: Was ermöglicht mir das? Und wenn ich auch das ganz und gar erreicht habe: Was stelle ich hiermit sicher? Was soll das Erreichte ermöglichen? Versuchen Sie, sich bei jeder Antwort so zu fühlen, als wäre die hypothetische Situation Wirklichkeit.

Erleben Sie jetzt die gleichen Fragen aus der Perspektive Ihres „Rivalen“. Nehmen Sie dessen Position so gut wie möglich ein – bis hin zu seiner typischen (Körper-)Haltung – und notieren Sie die Antworten in seiner Sprache. Beschreiben Sie nun Gemeinsamkeiten und Unterschiede Ihres vordergründigen Interesses – und die dahinter liegenden Intentionen. Finden Sie für Ihre eigenen Hintergrund-Interessen mindestens drei konkrete Handlungsalternativen, um flexibel Ihren Handlungsspielraum zu erweitern. Entscheiden Sie nun, wie Sie vorgehen wollen: Können Sie in Ihrem „Rivalen“ einen Partner für die gemeinsamen Interessen finden? Welche neuen Handlungsoptionen gibt es für Sie? Wie lassen sich die „Fluss-Nutzungs-Rechte“ so aufteilen, dass jeder von Ihnen beiden einen Vorteil hat – und das Wasser optimal genutzt wird? TOM ANDREAS

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