Von Auerhahn und Zugvogel
Shanghai, Bombay, Seoul. Fernöstliche Namen, die nach Abenteuer klingen und die Fantasie anregen.
Eine Studie hat nun ergeben, dass dieser exotische Traum für mobile Fach- und Führungskräfte Realität werden kann.
Eine Realität, die viele Gesichter hat und in jedem Fall einen
Schnitt im Privat- und Berufsleben mit sich bringt. Ortsungebundene Arbeitskräfte spielen
aber nicht nur bei Auslandsentsendungen eine Rolle: Auch an entlegenen Standorten in
Deutschland sind sie heiß begehrt – jedoch nicht immer leicht zu begeistern. Von Robert Piterek
Es ist ein schönes Städtchen, das sich sehen lassen kann: Von
mehr als 650 Jahren Geschichte zeugen die Fachwerkhäuser und das
historisch gewachsene Stadtbild. Die Blumenmärkte und der St. Georgs-
Brunnen geben der 13 000-Seelen-Gemeinde Herzogenaurach ihren
beschaulichen Charme. Reizvoll für die einen, langweilig für die anderen.
Unternehmen an eben solchen Orten haben es oft nicht leicht,
qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Einer der Gründe mag die von der
Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers ermittelte mangelnde
Mobilitätsbereitschaft der Deutschen sein: Nur für jeden vierten Deutschen
kommt ein Ortswechsel innerhalb des Landes in Frage.
Einige bedeutende Unternehmen haben im fränkischen Herzogenaurach
ihre Zentralen: Der Automobilzulieferer INA-Schaeffler KG sowie die beiden
Sportartikelhersteller Puma und Adidas. Lediglich auf das Arbeitskräftepotenzial
vor Ort zu setzen, würde für Adidas zu kurz greifen,
macht Personalchef Matthias Malessa unmissverständlich klar. Um
Nachwuchstalente für das Unternehmen zu gewinnen, reichen die
üblichen Standortargumente nicht aus: „Beim jungen, wilden Designer
müssen wir die nahe gelegenen Städte Nürnberg und Erlangen stärker
verkaufen, denn sie haben eine attraktivere Szene als Herzogenaurach“,
verrät er. Grundsätzlich könne sich das Unternehmen über die
Umzugsbereitschaft von Hochschulabsolventen und Berufseinsteigern
nicht beschweren, da helfe das Markenimage schon. Da Adidas als Global
Player auch ausländische Fachkräfte für die Unternehmenszentrale
in Herzogenaurach anwirbt, hat das Unternehmen in den eigenen
Standort investiert. So wurde eine internationale Schule gegründet,
um die Integration ausländischer Familien zu erleichtern. Dass diese
Maßnahme nötig war, zeigt die Zahl der nicht-deutschen Mitarbeiter,
die mit 350 Personen aus 40 verschiedenen Ländern einen großen
Teil der 850 Personen starken Belegschaft stellen. Mittlerweile sei die
„kritische Masse seines olympischen Dorfes zum Standortvorteil für
Familien geworden“, betont Malessa nicht ohne Stolz. Gefragt sind
weltoffene, sportbegeisterte Hochschulabsolventen für Marketing und
Kommunikation, aber auch für den Design-, Finanz- und Personalbereich.
Immer mobiler
Was bei den Arbeitsmarktreformen leidenschaftlich diskutiert wurde –
zumutbare Arbeitswege und Umzüge –, ist für Fach- und Führungskräfte
nicht neu: Sie müssen schon länger die Bereitschaft zum Reisen mitbringen.
PricewaterhouseCoopers ermittelte, dass 64 Prozent der deutschen
Unternehmen Mobilität als wichtige Eigenschaft bei Führungskräften
betrachten. Mit Blick auf das außereuropäische Ausland kommen
deutsche Arbeitnehmer dieser Anforderung noch am ehesten
nach: Jeder dritte Deutsche ist der Unternehmensberatung zufolge
bereit, in fernen Ländern zu arbeiten. An der Wirklichkeit gemessen
ergeben sich eindrucksvolle Zahlen: Laut statistischem Bundesamt verlassen
Jahr für Jahr viele zehntausend Studenten das Land, um ihren
Bildungshorizont im Ausland zu erweitern, ebenso wie mittlerweile weit
über 100 000 Deutsche jährlich ein neues Leben jenseits der Staatsgrenzen
beginnen, teils als Auswanderer, teils als Entsandte deutscher
Unternehmen. Ein Leben, das viele sich erträumen, andere aber kategorisch
ablehnen. Und die Anzahl derjenigen, die sich ihren Traum
erfüllen, steigt: 2003 wurden etwa 30 000 Fortzüge mehr verzeichnet
als im Jahr 1991. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die sich etwa in
China neu auftun, drängen auch die Unternehmen zum Handeln. PricewaterhouseCoopers
befragte 273 Unternehmen aus 17 Ländern mit
über 70 000 entsandten Mitarbeitern nach ihren Planungen für die
Zukunft. Das Ergebnis: Drei Viertel wollen in den kommenden Jahren
mehr Mitarbeiter im Ausland beschäftigen als zuvor. Neben dem verstärkten
Einsatz in den Ländern der EU, der aufgrund der Osterweiterung
absehbar war, sollen die so genannten Expatriates künftig vermehrt
auch ins wirtschaftlich aufstrebende Reich der Mitte entsandt werden.
„Know-how-Transfer ist unabdingbar“

So auch bei der ThyssenKrupp Elevator AG, einem Global Player im Aufzuggeschäft.
Bei der Weiterentwicklung von Märkten in Asien und Osteuropa
legt das in mehr als 60 Ländern und an über 800 Standorten
vertretene Unternehmen größten Wert auf mobile Mitarbeiter und
schickt sie derzeit verstärkt nach Indien, Südkorea und China.
Als wichtigstes Argument für Auslandseinsätze nennt die Verantwortliche
für den Personalbereich, Anne-Marie Beth-von der Warth, die Notwendigkeit
des Know-how-Transfers eines weltweit agierenden Unternehmens.
„Wir wollen dadurch unsere Produkte stetig verbessern und
Mitarbeiter und Kunden an uns binden.“ Aufgabe der Expatriates sei es
vor allem, gemeinsam mit den Führungskräften und den Mitarbeitern
vor Ort Geschäftsprozesse zu verbessern und dabei länderspezifische
Besonderheiten angemessen zu berücksichtigen. Beth-von der Warth:
„Entsendungen ins Ausland sind als Jobrotation ein zentrales Instrument
der Personalentwicklung. Sie dienen der persönlichen Weiterbildung
unserer fähigsten Fach- und Führungskräfte.“ Von den weltweit
dreißig Expatriates des ThyssenKrupp-Segments sind zehn deutscher
Herkunft.
Auch Bayer engagiert sich traditionell sehr stark im Ausland: Etwa 700
deutsche Auslandsentsandte vertreten das Unternehmen in 52 Ländern
weltweit. Die Flexibilität der Mitarbeiter wird hier nicht nur verbal
gefordert – sie ist Bestandteil der Arbeitsverträge. „Besonders wichtig
sind die Standorte USA und China“, so Georg Sitterberg von der Bayer-
Personalabteilung in Leverkusen. Anders als die ThyssenKrupp-Tochter
rechnet Bayer aber nicht damit, dass künftig mehr Auslandsentsendungen
nötig sein werden. Voraussetzung für den Schritt ins Ausland ist
bei dem Konzern ein Hochschulabschluss in BWL, Pharmazie oder
einem ingenieurwissenschaftlichen Studiengang. Zudem sollte der Kandidat
bereits eine vergleichbare Position innegehabt haben.
Nachhilfe in Kultur und Brauchtum
Damit der Know-how-Transfer ins Ausland möglichst effizient vonstatten
geht, müssen die künftigen Expatriates auf ihr neues kulturelles Umfeld
und den damit verbundenen Einschnitt in ihrem Leben vorbereitet werden.
Diese Aufgabe ist das Geschäft von Andreas Bittner, dem
Geschäftsführer des Instituts für Interkulturelles Management (IFIM) in
Rheinbreitbach im Siebengebirge. Mit fortschreitender Globalisierung
wuchsen in den letzten Jahren auch die Seminarzahlen seines Instituts.
Bittner hat beobachtet, dass neben der deutschen Großindustrie
inzwischen verstärkt mittelständische Unternehmen ins Ausland drängen
– und in seine Kurse, denn „Mittelständler haben vielleicht zwei
oder drei Leute im Ausland. Die Personalabteilung hat entsprechend
wenig Erfahrung mit Auslandsentsendungen.“ 1990 öffnete das IFIM
seine Tore und schult seither Seminarteilnehmer in Kultur und Brauchtum
des Gastlandes, bereitet sie aber auch auf den Umgang mit einheimischen
Arbeitern vor. Nicht ohne Grund, wie der Psychologe in
einem Beispiel darlegt: „Bei der Umschulung von malaysischen Arbeitern,
die vorher Bauern waren und jetzt Autoradios fertigen sollen, multiplizieren
sich die interkulturellen Schwierigkeiten.“ Um Reibungsverluste
zu verringern, sollten Auslandsentsandte bereits eine Vorstellung
davon haben, was sie erwartet: „Diese Leute müssen sowohl mit den
ausländischen Behörden als auch mit ihren Mitarbeitern klarkommen
und sich darüber hinaus ein neues Privatleben aufbauen.“ Dabei sind
vielfältige Unterschiede zu bedenken.“ Das fängt beim erwarteten
Umgang mit den Mitarbeitern an, schlägt sich in der Art zu loben und
Kritik zu üben nieder und reicht bis zu den Unterschieden im Entscheidungs-
und Planungsverhalten“, zählt Bittner auf.
Die Devise der Sesshaften lautet: „Was ich nicht weiß,
macht mich nicht heiß.“ Der Umkehrschluss trifft
jedenfalls zu: Wer den Schritt erst einmal gewagt hat,
will das Erlebnis nicht mehr missen.
„Amerikanisierung des Arbeitsplatzes nicht immer erwünscht“

Doch was tun, wenn der Auslandsvertrag ausgelaufen ist und die Rückkehr
nach Deutschland ansteht? Nahm man eben noch Anteil daran,
dass in Asien in atemberaubender Zeit eine neue Welt entstand,
bestimmen nun Themen wie Hartz IV oder die neue S-Klasse die
Gespräche in der Heimat, simuliert Bittner eine mögliche Rückkehrersituation.
„Verständnis für die neuen Erfahrungen haben da nur wenige.“
Dafür aber extra ein Seminar zu belegen, trauten sich die meisten auch
nicht, da die Rückkehrer dann vor ihrem Unternehmen eingestehen
müssten, dass sie Schwierigkeiten haben. Wegen geringer Nachfrage
werden so genannte Reentry-Seminare nur selten angeboten. Die Konsequenz
liegt für Bittner auf der Hand: „Nach fünf Jahren am Stück im
Ausland sollte man dringend versuchen, hier wieder zurecht zu kommen.
Danach nehmen die Schwierigkeiten exponentiell zu.“ Um Enttäuschungen
zu vermeiden, plädiert Bittner dafür, die Erwartungen für die
Zeit nach der Rückkehr zurückzuschrauben: Die Posten, in denen die
erworbenen Erfahrungen genutzt werden könnten, seien selten, die
Übertragung der neuen Arbeitsmethoden auf Deutschland problematisch.
Bittner: „Eine Amerikanisierung des Arbeitsplatzes ist nicht
immer erwünscht.“ Reentry-Seminar oder nicht: Es liegt im Interesse
der Unternehmen, dass die Rückkehr gelingt, denn Integrationsprobleme
senken die Mobilitätsbereitschaft. ThyssenKrupp Elevator
beschränkt die Auslandseinsätze seiner Mitarbeiter daher auf maximal
drei Jahre und garantiert einen gleichwertigen Arbeitsplatz nach der
Rückkehr. Bayer konzentriert sich dagegen mehr auf den Schritt ins
Ausland und hält Schwierigkeiten bei der Rückkehr von Expatriates für
kein großes Problem. Auslandsentsendungen des Traditionsunternehmens
sind dennoch auf drei bis fünf Jahre begrenzt.
Freiberuflich auf Reisen
Welche Menschen verbergen sich hinter den für Auswärtseinsätze so
wichtigen Fähigkeiten wie Mobilität, Sozialkompetenz und kulturellem
Einfühlungsvermögen? Eine davon ist Sandra Schäfer (Name von der Redaktion geändert), die ihr Geld als
freiberufliche IT-Beraterin für den Software-Konzern SAP verdient. Sie
ist sprachgewandt und weiß, worauf es beim Kauf eines Einkaufs-,
Warenwirtschafts- oder Vertriebssystems ankommt. Für ihren Auftraggeber
war sie schon an zahlreichen Orten im In- und Ausland tätig. Unter
anderem in England und Schottland, wo sie die Softwareberatung einer
Hotelkette übernahm und dafür sechs Wochen im Land blieb. Im Rückblick
eine schöne Zeit, die aber auch an die Substanz ging. „Vom brodelnden
Leben in Großbritannien habe ich nur wenig mitbekommen“, verrät
Schäfer. „Damit der Kunde die Flugzeit und die Zusatzkosten herausbekommen
konnte, arbeitete ich 50 Wochenstunden.“ Ähnlich sah es bei
Auslandsaufträgen in Spanien und Portugal aus. Während der Informatikerin
die vielen Ortswechsel durchaus Spaß machten, forderten die damit
verbundenen einschneidenden Veränderungen auch Opfer von ihr. Die
Beziehung zu ihrem Freund zerbrach an der Distanz, das Hotelleben bei
einem anderthalbjährigen Langzeitauftrag in Stuttgart eskalierte in
einem „Hotelkoller“: „Eines Morgens wachte ich auf und war fest davon
überzeugt, das Zimmer sei über Nacht umgebaut worden. Überraschend,
denn die Räume in dem Hotel sind weitgehend identisch. Ich hatte aber
in einem spiegelverkehrten Zimmer geschlafen.“ Auch die Pendelei forderte
ihren Tribut: „Während der Woche lebte ich nur für die Arbeit, am
Wochenende putzte ich meine Wohnung in Darmstadt und traf Freunde,
wenn noch Zeit blieb.“ Ein Kreislauf, der montags früh auf der Autobahn
immer wieder neu begann.
Vom Rhein ans ostchinesische Meer

Das passende Profil für eine Auslandstätigkeit bei der Bayer-Sparte
Material Science hatte auch der damals 36-jährige Michael König. Neben
seinem Diplom als Chemieingenieur sprachen seine Erfahrungen als langjähriger
Produktions- und Betriebsleiter verschiedener Werke für ihn.
Gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinen anderthalb und dreieinhalbjährigen
Söhnen ging er 1999 für gut drei Jahre nach China. Seine Aufgabe:
Bayer-Werksleiter und Geschäftsführer eines Industrieparks im südlich
von Shanghai gelegenen Caojing. Dort will das Leverkusener Unternehmen
als einer der Weltmarktführer für hochwertige Materialien insgesamt
rund 3,1 Mrd. Dollar in Polymer-Rohstoffe investieren. Im Vorfeld des
China-Aufenthaltes belegten König und seine Frau einen Sprachkurs und
Seminare zur Vorbereitung auf die kulturellen Unterschiede. Für ihn war
der Schritt ins Ausland ein Schnitt: Einerseits wurden die persönlichen
Beziehungen unterbrochen, auf der anderen Seite war der Umzug vom
beschaulichen Leverkusen in die 15-Millionen-Metropole Shanghai mit
deutlichen Veränderungen verbunden: „Ich war zunächst erschrocken: Die
Stadt ist laut, hektisch und alles andere als ein Luftkurort“, blickt er
zurück. Die Königs gewöhnten sich aber schnell an den Trubel der Großstadt
und begannen, auch die Vorteile zu sehen: Etwa die vielfältigen Kultur-
und Freizeitangebote und die Möglichkeit, ihre Kinder dreisprachig aufwachsen
zu lassen. Der älteste Sohn ging die letzten zwei Jahre in die
internationale Schule in Shanghai und lernte dort Englisch und Chinesisch.
Der jüngere konnte ebenso von der Sprachenvielfalt in der internationalen
Gemeinde profitieren. Auch König selbst hat die Erfahrung positiv
geprägt: „Ich konnte mich deutlich weiterentwickeln, kenne heute das
Geschäftsgebaren und die Verhandlungsstrategien der Chinesen.“ Ein
nützliches Wissen, denn Bayer hatte nach der Rückkehr aus China weitere
Pläne mit ihm: Heute ist er globaler Leiter der Produktion und Technik
für Schaumstoff-Vorprodukte, koordiniert die Investitionen im Reich der
Mitte nun aber wieder von Leverkusen aus. Wenngleich er selbst eine
„glatte“ Rückkehr nach Deutschland hinter sich hat, bekräftigt er doch die
Notwendigkeit des Unternehmens, Expatriates bei der Wiedereingliederung
zu unterstützen, „besonders, wenn Kollegen lange im Ausland
waren“. König sieht sich heute nicht nur als auslandserfahrenen Fachmann,
sondern auch als Brückenbauer zwischen den europäischen und asiatischen
Kulturen – eine wichtige Funktion bei einem Global Player wie
Bayer, ist er überzeugt. Obwohl es viele positive Beispiele von gelungenen
beruflich motivierten Ortswechseln gibt, bleibt Deutschland in puncto Mobilität
nach wie vor zweigeteilt: Die einen betrachten den Schnitt in ihrem
Leben als Bereicherung und Herausforderung, die anderen scheuen ihn
wegen der vielen unbekannten Variablen und der Distanz zu Freunden und
Familie. Die Devise der Sesshaften lautet: „Was ich nicht weiß, macht mich
nicht heiß.“ Der Umkehrschluss trifft jedenfalls zu: Wer den Schritt erst einmal
gewagt hat, will das Erlebnis nicht mehr missen.
Robert Piterek ging in Ägypten und Südafrika zur Schule. Nach dem Abitur im südafrikanischen
Johannesburg studierte er an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, volontierte in Köln und
arbeitete im Anschluss als leitender Redakteur für die deutschsprachige Budapester Zeitung in
Ungarn. Heute arbeitet er als freiberuflicher Journalist in Düsseldorf.
Coachingzone
Veränderungen haben immer zwei Seiten:
Einerseits bedeuten sie die Loslösung
von vorhandenen Strukturen und Mustern, andererseits eröffnen sie neue Möglichkeiten. Wer sich bei einer bevorstehenden Veränderung
zu sehr auf den Verlust konzentriert, verliert häufig Blick und Motivation für die eigene Weiterentwicklung. Wie sieht es bei Ihnen
aus: Denken Sie bei Veränderungen eher an einen „Schnitt“, oder betrachten Sie eine Veränderung vor allem als
eine weitere Entwicklungsstufe? Beachten Sie bei Ihren Überlegungen, dass berufliche Veränderungen immer auch
private, emotionale und soziale Veränderungen mit sich bringen. Beziehen Sie daher Ihre Freunde und Familie frühzeitig
mit ein. Treffen Sie zunächst eine Entscheidung für sich selbst und fragen Sie dann Ihre Freunde und Familie,
unter welchen Bedingungen diese Ihre Entscheidung unterstützen. Überlegen Sie sich, was Sie im Gegenzug anbieten
können: Wie könnten Auslandsaufenthalte oder mobile Tätigkeiten Ihre Partnerschaften fördern?
Lassen Sie Ihr privates
Umfeld regelmäßig an Ihrem Erleben teilhaben – nicht nur an Daten und Fakten. So ist Ihre
Umgebung auch gut auf Ihre Rückkehr vorbereitet.
Nutzen Sie jede Gelegenheit, sich mit der
fremden Kultur vertraut zu machen.
Gerade das Verstehen kultureller „Codes“ erleichtert das
Einleben an dem neuen Ort. Wie und wo treffen sich die Menschen hier? Welche Musik, welche
Literatur und welche öffentlichen Räume bevorzugen sie? Machen Sie sich mit der Geschichte
des fremden Ortes vertraut – das unterstützt nicht nur Ihr Verständnis, sondern hilft Ihnen auch,
Kontakte zu knüpfen. Suchen Sie im Vorfeld bereits Kontakt zu Europäern, die dort leben und
über soziale Netzwerke verfügen.
Sammeln Sie aber auch Informationen direkt von der Quelle,
da der eurozentrische Blick auf fremde Kulturen oft unangemessene Wertungen enthält.
Gleiches gilt natürlich für den „Metropolen-zentrischen“ Blick auf das „dörfliche Idyll“: Simulieren
Sie doch einmal Ihren Alltag in verschiedenen Umgebungen und überprüfen Sie Ihre möglichen Vorurteile. Was würden Sie auch für
Ihren späteren Lebensweg hier gewinnen können? Setzen Sie sich mit möglichen Veränderungen frühzeitig auseinander und nutzen Sie
die Chance, Veränderungen aktiv zu gestalten. Zu einer sorgfältigen Vorbereitung gehört es, die „unbekannten Variablen“
zu reduzieren. Verwenden Sie dafür die folgende Matrix. Achtung: Die Fragen klingen ähnlich, haben aber einen
jeweils anderen Fokus und bringen daher auch unterschiedliche Erkenntnisse.
Was gewinne ich bei einer aktiven
Entscheidung für die Veränderung? Was verliere ich bei einer aktiven Entscheidung für die Veränderung? Was
gewinne ich, wenn ich mich aktiv gegen die Veränderung entscheide? Was verliere ich, wenn ich mich aktiv gegen
die Veränderung entscheide? Was gewinne ich, wenn ich mich nicht entscheide? Was verliere ich, wenn ich mich
nicht entscheide? Nehmen Sie sich Zeit und beantworten Sie jede Frage einzeln – und zwar sowohl
für die Gegenwart als auch mit dem Blick auf Ihre Zukunft. Denken Sie sich fünf, zehn oder 20 Jahre
weiter und schauen Sie von dort aus zurück: Fall A: Welchen Wert hatte die Veränderung? Fall B:
Welchen Wert hatte das Nicht-Verändern? Was ist Ihnen durch das eine möglich geworden, was durch
das andere? Werten Sie die Perspektiven aus. Betrachten Sie Veränderungen wie Auslandsaufenthalte
oder Ortswechsel vor Ihrem gesamten Lebenshintergrund. Wer den Aufenthalt von vornherein nur als
„auszuhaltende Phase, die vorübergeht“ plant, verliert den Blick für die Gelegenheiten, die dieser Aufenthalt
jetzt bietet – und ist im Zweifel am Ende überrascht. Denn auch die Welt zu Hause hat sich in
dieser Zeit verändert. TOM ANDREAS
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