Herbert Feuerstein - "Mit mir selbst könnte ich nicht arbeiten"
Er ist ständig auf Achse und jagt
der Zeit hinterher. Ein Heim im
klassischen Sinne besitzt er nicht –
ein Herbert Feuerstein ist eben
dort zu Hause, wo gerade sein
Schreibtisch steht. Rainer Bachmann
erwischte den viel beschäftigten
Globetrotter in einer Drehpause.
Sie sind jetzt länger unterwegs? Ich bin
gerade mit Studenten einer Filmhochschule im
tiefsten Allgäu. Die drehen dort ihre Abschlussarbeit,
und ich mache mit. Mit meinen 68 Jahren
ist das mein bescheidener Beitrag für eine
Generation, die ja schließlich für unsere Renten
sorgt.
Was war Ihr erstes Berufsziel? In der Oberschulzeit
war ich relativ sicher, Musiker zu werden.
Danach hat sich das Schreiben durchgesetzt,
wodurch der Welt ein weiterer schlechter
Musiker erspart geblieben ist.
Was betrachten Sie als Ihren größten beruflichen
Erfolg? Das kann ich schwer sagen, da
ich Erfolg eigentlich nicht wahrnehme. Das
„Machen“ finde ich viel interessanter. Die Zeitschrift
„MAD“ 20 Jahre lang rauszubringen, war
sicherlich meine nachhaltigste Leistung. Unser
Motto war: „Zweifelt erst mal alles an – vor
allem euch selbst.“
Gehört das Zweifeln dazu, um die eigenen
Talente zu entdecken und zu fördern? Für einen
Chef der Deutschen Bank ist Selbstzweifel nicht so günstig.
Im künstlerisch-kreativen Bereich
hingegen ist er die Grundvoraussetzung, denn
schließlich kann man immer alles besser
machen.
Wie haben Sie Ihr komisches Talent entdeckt?
Habe ich eins? Vielleicht war das die Reaktion
eines unglücklichen oder unterforderten Kindes,
um Leben und Alltag zu bewältigen. Meine
Eltern hätten mich gern zur Normalität erzogen
– jedenfalls zu dem, was sie selber darunter
verstanden.
Könnten Sie sich auch vorstellen, in die Politik
zu gehen?
Nicht wirklich, weil ich immer über
die dort nötige Lügerei lachen müsste und
mein eigenes Wahlprogramm nicht ernst nehmen
könnte. Allerdings kann ich mir vorstellen,
eine Sekte zu gründen. Ich habe es gerne,
angebetet zu werden.
Hüten Sie ein bislang verborgenes Talent?
Wer mich kennt, weiß: Bei mir bleibt nichts
lange verborgen. Vermutlich habe ich ein ausgeprägtes
assoziatives Talent, das mir hilft, aus
jeder Sache etwas Komisches zu machen. Es gibt krumme Windungen in meinem Hirn, die
mich regelrecht dazu zwingen. Der Rest sind
Neugier und ein messerscharfer Verstand.
Sind Sie über die Neugier auch dazu gekommen,
Reisebücher zu schreiben?
Ja, sie ist
mein Hauptmotiv für das Reisen. Es gibt keine
Ziele, die uninteressant wären, was ja eher
betrüblich ist, denn die Welt ist so riesig, und
das Leben viel zu kurz, sie auch nur einigermaßen
zu entdecken.
Was raten Sie gestressten Managern, um mal
abzuschalten?
Könnte ich unmöglich beantworten,
da ich niemals reise, um abzuschalten –
sondern, im Gegenteil, um aufzudrehen.
Stimmt es, dass Sie Wert auf ein Mittagsschläfchen
legen?
Ja, absolut! Es macht aus
einem Tag zwei. Es muss allerdings ein richtiges
Schläfchen sein, mit Bett und Ausziehen, kein
Sekundenschlaf. Sonst muss ich, um auch
noch die zweite Tageshälfte zu überleben, so
hässliche Sachen machen wie Kaffee trinken,
obwohl ich den hasse.
Wie sind Sie selbst als Chef?
Eine Katastrophe.
Leuten, die ich mag, lasse ich alles durchgehen.
Und die, die ich nicht mag, die haben trotz
aller Begabung keine Chance. Dazu kommt,
dass ich nicht fähig bin zu delegieren. Darum
habe ich auch noch nie einen Assistenten oder
eine Sekretärin gebrauchen können. Ich würde
immer danebenstehen und beobachten, ob
alles richtig gemacht wird. Und sogar mit dem
Fernglas verfolgen, ob die Briefe auch richtig
eingeworfen werden.
Hatten Sie schon mal einen Chef, den Sie
nicht mochten?
Eher umgekehrt, weil ich Chefs
eigentlich nie so richtig anerkannt habe. Aber
durch meinen österreichischen Schmäh gelang
es mir meistens, Vorgesetzte zu manipulieren
und um den Finger zu wickeln. Manche leiden
heute noch darunter.
Sind Sie als Kollege Abschreckung oder Vorbild?
Abschreckung. Ich könnte mit mir selbst
nicht arbeiten.
Wir schreiben ja gerade das Einstein-Jahr.Wie fänden Sie denn ein Feuerstein-Jahr?
Der Einstein musste ja auch eine gewisse Zeit
warten, bis er so weit war. Lassen Sie mich
doch bitte erst mal in Ruhe sterben.
Coachingzone
Sind Sie anders
als andere? Humorvoller, schneller, klüger, philosophischer, kritischer,
kreativer...? Dann pflegen Sie das Leben als „bunter Hund“. Wahrscheinlich werden Sie niemals im herkömmlichen Sinne Karriere
machen. Denn die Angepassten, Mittelmäßigen verunsichern Vorgesetzte wesentlich weniger. Aber Sie werden wahrscheinlich ein
interessanteres, lustigeres, spannenderes Leben führen als manche andere. Anders sein heißt, „Ich“ sein dürfen.
Anders sein heißt, der Welt einen Schubs geben. Anders sein ist die größte Chance, die Sie haben. Wenn Sie es aushalten
können, immer ein Stück aus der Masse herauszuragen. Denn besondere Menschen werden besonders angeguckt:
Warum kann diese Person nicht sein wie wir? Die Welt wäre arm ohne die, die anders sind. Wenn keiner mehr
dazwischenfunkt, herrscht Stille auf diesem Planeten. Deshalb: Bevor Sie per Anhalter in die Galaxis verschwinden,
mischen Sie den Laden hier einmal tüchtig auf. Trauen Sie sich!
SABINE ASGODOM
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